Samstag, 23. Mai 2015

Schöne Stadt – böse Geschichte


Dobřany und seine Nervenheilanstalt

Dobřany ist ein hübsches Städtchen etwa zehn Kilometer südwestlich von Pilsen. Am weiten Hauptplatz, wie er sich in Böhmen gehört, sorgfältig renovierte Häuser, in der barocken, dem heiligen Veit geweihten Rundkirche ein seltener, figurenreicher Doppelaltar, in der ebenfalls barocken Nikolauskirche am Náměstí Masaryka ein gut besuchter Sonntagsgottesdienst, eine dreibogige gotische Steinbrücke über die Radbuza, an der es sich fischen, flanieren und flirten lässt. Und ringsum blühende Wiesen und reinliche Einfamilienhäuser mit gepflegten Blumen- und Gemüsegärten. Eine wahre Idylle. Das fanden auch die Deutschen, die das Städtchen – aufgrund des Ende September 1938 geschlossenen Münchner Abkommens – Anfang Oktober 1938 besetzten und dem Reichsgau Sudetenland anschlossen. Nur der „deutsche“ Name für das tschechische Dobřany gefiel ihnen nicht: „Dobrizan“ oder „Dobrzan“ – der klang ihnen zu slawisch. Was er wohl auch war. So tauften sie das Städtchen um und nannten es „Wiesengrund“. Ein wirklich treffender Name.

Die gotische Steinbrücke über die Radbuza in Dobřany

Dieses Bild passt so recht zu der heiter-unbeschwerten Atmosphäre, mit der Pilsen als diesjährige Kulturhauptstadt sich umgeben möchte: Tanz und Theater, Kunst und Kultur in allen Formen stehen hier auf dem Programm. Die Stadt ist aufgewacht und zieht Gäste aus ganz Europa an.

Vladislav Žižka und eine Kunsttherapeutin
Ob einige der Besucher auch nach Dobřany kommen? Das Städtchen hat ein gutes Restaurant mit eigener Brauerei, in dem nicht pasteurisierte Biere erzeugt und serviert werden. Ob die Besucher, etwas abseits vom Masaryk-Hauptplatz, auch den kleinen Wegweiser zur „Psychiatrická léčebna“ sehen, zur Psychiatrischen Heilanstalt? Doktor Vladislav Žižka, der Direktor der Klinik, kommt mir freundlich entgegen, fährt mich bereitwillig über das riesige Gelände: ein 43 Hektar großer Park mit etlichen schmucken Pavillons, in denen heute an die 1200 Patienten leben.


 
Das Parkgelände der Heilanstalt Dobřany

Ein elegangter Wandelgang in der Heilanstalt Dobřany heute

Mehr als 2700 Personen waren es im Jahr 1941, als die Heilanstalt Dobřany/Wiesengrund – die damals größte der sudetendeutschen Anstalten – in das nationalsozialistische Euthanasieprogramm „Aktion T4“, die sogenannte Kinder- und Jugendlicheneuthanasie, einbezogen wurde. Sie soll, wie es in einer zeitgenössischen Chronik heißt, die „modernste, zweckmäßigste und schönste Europas“ gewesen sein, besaß außer den weiten Park- und Gartenanlagen auch Ackerland, Wiesen, einen eigenen Bahnhof und einen eigenen Friedhof. Der Bahnhof wurde zum Heran- und Abtransport der Kranken gebraucht, die aus der mittelböhmischen Heilanstalt Kosmonosy über Wiesengrund in sächsische (Pirna-Sonnenstein) und oberösterreichische Tötungsanstalten (Hartheim) überführt wurden. Und auf dem Friedhof wurden auch viele minderjährige Patienten bestattet, die der „Aktion T4“ zum Opfer gefallen waren.

Tragödie in der Tragödie: Im April 1943 wurde die Anstalt in Dobřany, da man sie für die Waffen produzierende Škoda-Fabrik hielt, von RAF-Piloten bombardiert.

Beim Lesen der Krankengeschichten, die in dem Sammelband „Die nationalsozialistische Euthanasie“* veröffentlicht sind, überläuft es einen kalt. Und ich kann, seit ich das Buch gelesen habe, das hübsche Städtchen Dobřany mit seinem weiten Marktplatz, den barocken Kirchen, der gotischen Steinbrücke über die Radbuza, den gepflegten Einfamilienhäusern und den blühenden Wiesen nicht mehr mit den Augen eines unbefangenen Touristen sehen.


P. S.: Ich muss Herrn Dr. Milan Novák, dem Mitautor meines Buches „Böhmen hin und zurück“, für die Hinweise auf die Heilanstalt Dobřany und das hier angeführte Buch danken.


* Michal Šimůnek/Dietmar Schulze (Hrsg.), Die nationalsozialistische „Euthanasie“ im Reichsgau Sudetenland und Protektorat Böhmen und Mähren 1939-1945, Praha: Institute of Contempory History of the Academy of Sciences Prague 2008

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