Montag, 3. August 2015

Antonín Kolář

Der Oberschullehrer vom Masaryk-Gymnasium ist eine wahre Fundgrube

Er ist ein lebendes Internet. Du gibst ein Wort ein und er kommt mit drei, zehn, 20 Antworten. Juden? Da gibt es jüdische Friedhöfe in Spálené Pořičí und in Poběžovice und in Radnice und in Švihov und in vielen anderen Ortschaften. Roma? Dobrá Voda, ein Romadorf, aber Sie sollten nicht allein hinfahren, weil sie misstrauisch sind und Sie dort keine Kontakte bekommen. Aber ich habe eine Freundin, die … Verfallende oder verschwundene deutsche Dörfer? Výškovice ist das bekannteste, aber im ganzen Grenzgebiet gegen Bayern gibt es welche. Auch Pivoň mit dem ehemaligen Augustinerkloster. Sie können versuchen hineinzuklettern, aber es ist gefährlich.

Antonín Kolář im Café Regner

Antonín Kolář ist nicht mehr zu halten, wenn man ihn nach „Pilsnerisch-Westböhmischem“ fragt. Eine wahre Fundgrube, wenn man auf der Suche nach besonderen Notizen, Informationen und Ideen ist. Aber auch ein gescheiter, kenntnisreicher Oberschullehrer für Geschichte und Tschechisch am traditionsreichen Masaryk-Gymnasium in Pilsen.

Zu unserer ersten Begegnung hatten wir uns am „Andĕl“ verabredet, am Engelsbrunnen, der – zusammen mit dem „Kamel“ und der „Windhündin“ – dem altehrwürdigen Náměstí Republiky im Zentrum von Pilsen ein modernes Gepräge gibt. Das mir gefällt. Aber nicht allen Pilsnern. Er hatte sich am Telefon als „alter, langhaariger Mann“ angekündigt. Fast hätte ich einen Senior angesprochen, der auf diese Beschreibung passte. Dann aber kam er angeradelt: langhaarig ja, aber jung, gut aussehend, mit einem breiten Lächeln.

Wir gingen ins Café Regner, im ersten Stock eines Hauses in der Bezručova. Ich mit meinem inzwischen stadtbekannten Hund Zampa, er mit seinem Fahrrad, das er bis hinauf mitschleppte und dann auch noch an einen Heizkörper anschloss. Drei Räder seien seiner Familie seit Weihnachten gestohlen worden. Da sei er jetzt vorsichtig. Er, der begeisterte Radfahrer, der die Pilsner Stadtverwaltung kritisiert, weil sie kein Verständnis für Radfahrer habe. In Deutschland gebe es überall Radwege, hier in Pilsen werde man an jeder Kreuzung gestoppt.

Antonín Kolář mit seinem geliebten Fahrrad

Im Café saßen am Nebentisch mehrere junge Mädchen. „Das sind Schülerinnen von mir“, kommentierte Antonín Kolář. Und man sah ihnen an, wie sehr sie ihren so gar nicht professorenhaften „Herrn Professor“ verehren. Offensichtlich ist es ihm gelungen, seine Begeisterung, seinen Enthusiasmus auch auf seine Schülerinnen zu übertragen, sie mit seiner Neugier und seinem Wissensdurst anzustecken. Und ich bin sicher: Wie er von sich selbst das Höchste abverlangt, stellt er auch an sie hohe Anforderungen.

Aus diesem Wissen-Wollen heraus sind die Texte entstanden, die von seinen Schülerinnen geschrieben worden sind. Und die in meinen Blog eingegeben werden, während ich im August etwas Italienheimaturlaubsluft atme, bevor ich dann im September wieder nach Pilsen komme. Es sind Texte, denen man Antoníns Schule anmerkt, seine geschichtlichen Kenntnisse, sein menschliches Interesse, sein Feingefühl für auch heikle Fragen, sein Verständnis für Andere und Ausgegrenzte.

Wenige Tage nach unserem ersten Treffen bekam ich eine Mail von Antonín Kolář: „… zu einer Wanderung mit meinen Schülern einladen und Ihnen Schlafsack und alles dazu leihen. So lernen Sie unsere typische Wanderkultur kennen!“ Das Wetter wurde dann schlecht und die Gruppe kam nicht zusammen. Und mir, einer 75-jährigen Frau, blieb die erste Übernachtung meines Lebens in Zelt und Schlafsack unter freiem Himmel erspart. Was mich freute und auch nicht freute. Aber ich weiß eines: Antonín Kolář ist ein Chode. Und die Choden – das wissen alle hier in Westböhmen, wo sie eine eigene tschechische Volksgruppe mit eigenem Dialekt bilden, die vom Mittelalter an für ihre Wachdienste an der Landesgrenze zu Niederbayern und der Oberpfalz mit Sonderrechten ausgestattet war, – sind hartnäckig und starrsinnig. Und bei der erstbesten Gelegenheit kommt er sicher noch einmal auf sein Angebot zurück. Aber inzwischen ist er in wilden mittelasiatischen Gebirgen unterwegs, wenn er zurückkommt, fängt das Schuljahr an und dann, Ende September, fahre ich aus Pilsen weg. Endgültig. Schweren Herzens. Wer weiß, wann sich mir im Leben noch eine Gelegenheit zum Im-Zelt-im-Freien-Übernachten bietet?

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