Dienstag, 22. Dezember 2015

In Pilsen wurden die Heydrich-Attentäter versteckt

Nachdem die Stadtschreiberzeit von Wolftraud de Concini leider vorüber ist, bloggen auf ihrer Seite bis Ende des Jahres Schülerinnen des Geschichtslehrers Antonín Kolář über verschiedene Pilsener Themen. Das Projekt wurde initiiert vom Tschechischen Zentrum Berlin und vom Deutschen Kulturforum östliches Europa.


Nach einem nächtlichen Absprung am 29. Juni 1941 fanden im Haus der Familie des Inspektors Václav Král die Feldwebel Jozef Gabčík und Jan Kubiš, Mitglieder der Fallschirmjägertruppe Anthropoid, einen langfristigen Unterschlupf. Sie sollten ein Attentat auf den stellvertretenden Reichsprotektor in Böhmen und Mähren, Reinhard Heydrich, verüben. Wegen ihrer Unterstützung der Attentäter wurde Familie Král ermordet.

Tereza Mašková, Masaryk-Gymnasium Pilsen

Das Haus in der Pilsner Straße Pod Záhorskem
Foto: Tereza Mašková
Das Haus in der Straße Pod Záhorskem Nr. 22/1 wirkt auf den ersten Blick uninteressant. Das einfache Gebäude mit bröckelnder Fassade wurde jedoch vor über siebzig Jahren stummer Zeuge des tragischen Schicksals ehrenhafter Menschen. Es spielte eine wichtige Rolle in der Pilsener Widerstandsgeschichte gegen den Nazi-Fanatismus. Daran erinnert eine Gedenktafel, die viele Leute nicht einmal bemerken, wenn sie durch die Straße gehen. Nachdem das Haus mehrmals den Eigentümer gewechselt und zahlreiche Umbauten erfahren hatte, zog im Jahr 1923 Václav Král, Bezirksinspektor der Zivilwache, ein. Hier wohnte er zusammen mit seiner Frau Pavla, die aus einer tschechisch-deutschen Familie stammte, und bald darauf wurde ihre Tochter Helenka geboren.

Helena Králová besuchte das Städtische Mädchenrealgymnasium des Dr. František Lukavský, wo sie nicht unbedingt mit ihren Leistungen glänzte. Ihre Klassenkameradinnen beschrieben sie aber als liebes und kameradschaftliches Mädchen, das dazu noch ausgesprochen hübsch war. Ihre Einstellung hinsichtlich Okkupation und Unrecht wurde in bedeutendem Maß dadurch geformt, dass sie in der Klasse ständig kleine, aber beharrliche Widerstandsaktivitäten gegen das so verhasste NS-Okkupationsregime mitbekam. Einer der Gründe für die Verfolgung durch die Gestapo war beispielsweise die Tatsache, dass eine der Schülerinnen mit der tschechoslowakischen Trikolore geschmückte Blumen an der Statue des ersten tschechoslowakischen Präsidenten T. G. Masaryk niedergelegt hatte.

Helenkas beste Freundin wurde Olga Jiříkovičová. Helenka und Olga waren wie Schwestern und trafen sich oft. Wenn es eine von ihnen nicht zu einer Verabredung schaffte, ging ihr die andere entgegen. Die beiden Mädchen befreundeten sich noch mit der etwas jüngeren Jarka Bíbová, deren Mutter Marie in der Wohnung von Familie Král aushalf. Die Familie Bíba entschied sich schließlich, in die leerstehende Wohnung im ersten Stock einzuziehen, direkt unter die von Familie Král. Beide Familien führten bis 1941 ein ziemlich friedliches Leben, bis Ende Dezember zwei fremde Männer an der Türschwelle auftauchten.

Jan Kubiš, Jozef Gabčík (Fotos: Wikipedia)
Es waren die Feldwebel Jozef Gabčík und Jan Kubiš, Mitglieder der Fallschirmjägertruppe Anthropoid, die im Protektorat Böhmen und Mähren abgesetzt wurden, um ein Attentat auf den stellvertretenden Reichsprotektor Reinhard Heydrich durchzuführen. Sie hatten sich Václav Král, der ihnen zuerst eher misstrauisch begegnete, mit dem Deckausdruck „Adina grüßt Pilsen – der 8. März ist gut“ vorgestellt. Wer konnte aber wissen, ob es sich nicht um eine Provokation der Gestapo handelte. Václav Král vertraute den beiden Ankömmlingen schließlich und ließ sie hinein. In diesem Moment begann die interessante und tragische Geschichte des Hauses. Die Fallschirmjäger berichteten Herrn Král davon, dass sie kurz zuvor in Großbritannien vom im Exil lebenden Präsidenten Edvard Beneš empfangen worden seien. Václav Králs Wohnung gehöre zu einer von drei Anlaufadressen, die die Fallschirmjäger vor dem Absprung bekommen hatten. Gabčík und Kubiš hofften, dass sie hier Zuflucht finden konnten, nachdem sich Gabčík beim Absprung das Bein verletzt hatte und Ruhe für die Heilung brauchte.

Václav Král besorgte den Fallschirmjägern neue gefälschte Protektoratspapiere. Für die Beschaffung war er ein idealer Vermittler, da er zu dieser Zeit als Inspektor der Geheimpolizei arbeitete. Mit der neuen gefälschten Identität machten sich Kubiš und Gabčík bald nach Prag auf, um ihre Mission zu erfüllen. Králs Wohnung wurde für einige Zeit nicht in das ganze geplante Geschehen eingebunden, allerdings kehrten die Fallschirmjäger irgendwann für einige Zeit wieder hierher zurück. Obwohl die Familie Král versuchte, ihre Anwesenheit zu vertuschen, entgingen die beiden Männer nicht der Aufmerksamkeit von Helenkas Freundinnen Jarka und Olga, die die Familie oft besuchten.

Am 27. Mai 1942 wurde in Prag das Attentat auf den stellvertretenden Reichsprotektor Reinhard Heydrich durchgeführt. Ein Mitglied der anderen Fallschirmjägertruppe „Out Distance“, der Feldwebel Karel Čurda, zeigte später aus Angst vor Repressionen seine Freunde, die sich nach dem Attentat in der Krypta der orthodoxen Kirche Kyrill und Method in der Resslova-Straße versteckt hielten, bei der Gestapo an. Kubiš, Gabčík und ihre Mitkämpfer wurden daraufhin von den Nazis entdeckt und fielen einer nach dem anderen heldenhaft beim Kampf in der Kirche.

Gedenktafeln am Haus in der Straße Pod Záhorskem
Foto: Tereza Mašková


Es begann die sogenannte Heydrich-Ära, eine Zeit der Grausamkeit, der Verhöre, der Hinrichtungen und der Rache des NS-Regimes. Über Králs Haus begannen sich dunkle Wolken zusammenzuziehen. Am 17. Juni 1942, einen Tag, nachdem Čurda seine Freunde angezeigt hatte, wurde das Haus bereits von der Gestapo umzingelt und die Verhaftungen hatten begonnen. Als Václav Král lange nicht von der Arbeit zurückkam, fuhr seine Frau los, um nach ihm Ausschau zu halten. Jarka Bíbová war in demselben Moment auf dem Weg zum Chor, und so machten sie sich gemeinsam auf. Als Jarka am späten Nachmittag nach Hause zurückkehren wollte, zog sie eine Bekannte aus dem gegenüberliegenden Haus in ihre Wohnung. Das Mädchen konnte so nur mit Tränen in den Augen durch das Fenster beobachten, wie die Polizisten mehrere Menschen aus ihrem Haus abführten, darunter die Eheleute Král mit ihrer Tochter.

Auch Helenkas Freundin Olga kann sich an dieses Moment nur zu gut erinnern. An diesem Tag wartete sie auf Helenka, die aber nicht auftauchte, und so ging Olga ihr entgegen. Am Eingang des Hauses in der Straße Pod Záhorskem wurde sie aber von drei Männern angehalten, zwei in Uniform und einer in Zivil. Sie nahmen sie mit hinein und unterzogen sie einem rohen Verhör. Sie fragten nach den Fremden, die sie bei den Králs gesehen hatte, aber Olga bestritt alles. Schließlich nahmen sie ihr alle Ausweise ab und erteilten ihr den Befehl, sich jeden Tag bei der Gestapo zu melden. Später ließ man von ihr ab. Helena und ihre Eltern hatten nicht so viel Glück.

Alle drei Familienmitglieder wurden in die Prager Gestapo-Zentrale im Petschek-Palais überführt. Hier hatte die Gestapo bereits die konservierten Köpfe der Fallschirmjäger vorbereitet, damit diese von den Gefangenen identifiziert werden konnten. Anschließend kam die Familie in die Kleine Festung Theresienstadt, später in das Konzentrationslager Mauthausen. Hier wurden die Gefangenen am 24. Oktober 1942 im Zwei-Minuten-Takt in einen Kellerraum geschickt, unter dem Vorwand der Ermittlung ihrer Körpergrößen. Einer nach dem anderen wurden sie hinterhältig durch Nackenschüsse umgebracht. Helenka Králová, die auf diese Weise vor neun Uhr morgens starb, war erst siebzehn Jahre alt. Ihre Mutter Pavla folgte ihr um zehn Uhr. Die Männer kamen erst nach ein Uhr am Nachmittag an die Reihe. Václav Král wurde kurz vor Fünf von den Nazis ermordet.

Enthüllung der Gedenktafel für Václav Král 
Foto: www.tommy-yankee.cz


Auch nach dem Tod der Familie Král ging die Kriegsgeschichte des Hauses weiter. Am 25. April 1945 wurde das Dach durch den Granatsplitter einer Brandbombe stark beschädigt. Sie hinterließ auf dem Dachboden nur verkohlte Balken. Danach schwieg das Haus lange Zeit über sein dramatisches Schicksal. Erst 1997 wurde an der Hauswand eine Gedenktafel zu Ehren der Familie Král enthüllt und so ihres standhaften Opfers gedacht. Der Enthüllung der Gedenktafel wohnte auch die britische Baroness Margaret Susan Ryder bei. Sie hatte sich hinsichtlich des Kriegsgeschehens in Großbritannien sehr engagiert und brachte unter anderem die tschechoslowakischen Fallschirmspringer, die hier tätig waren, zum Flugplatz. Hier begegnete sie auch Gabčík und Kubiš vor ihrem Abflug nach Pilsen.

Während der Heydrich-Ära wurden viele Menschen hingerichtet, die den Fallschirmjägern Unterschlupf gewährt oder sie anderweitig unterstützt hatten. Als Vergeltung für den Tod von Reichsprotektor Reinhard Heydrich wurden auch die Gemeinden Lidice und Ležáky vernichtet. Direkt nach dem Ende des Krieges erinnerte man in Pilsen mit zahlreichen Gedenktafeln an den Tod dieser Helden. Das Haus in der Straße Pod Záhorskem musste auf seine Gedenktafel sehr lange warten.

Übersetzung: Kristina Veitová

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