Mittwoch, 9. Dezember 2015

Pilsener Henker

Nachdem die Stadtschreiberzeit von Wolftraud de Concini leider vorüber ist, bloggen auf ihrer Seite bis Ende des Jahres Schülerinnen des Geschichtslehrers Antonín Kolář über verschiedene Pilsener Themen. Das Projekt wurde initiiert vom Tschechischen Zentrum Berlin und vom Deutschen Kulturforum östliches Europa.

Pilsens letzter Henker wurde der Abdecker Matěj Kaiser, da sich der Überlieferung nach niemand mehr für den Henkerberuf interessierte. Er erlernte zwar nie das Lesen und Schreiben, dafür verstand er sich aber gut auf die Heilung von Tieren und war sogar fähig, Menschen zu behandeln. Er renkte Gelenke ein, behandelte Frakturen und kannte sich auch mit der Kräuterheilkunde aus. Seine Heilpraktiken verärgerten die Pilsener Ärzte und Apotheker gehörig, was eigentlich Kaisers Popularität nichts hätte anhaben können, wäre da nicht seine Trinksucht und Grobheit gewesen. Schließlich verfiel er dem Alkohol so sehr, dass es sogar die Hinrichtungen beeinträchtigte, weshalb er nur noch niedige Arbeiten ausführen durfte. Nach seinem Tod im Jahr 1832 wurde in Pilsen das Henkeramt abgeschafft.


Helena Matějková, Masaryk-Gymnasium Pilsen

Die Pilsener Richtstätte auf der Vedute von Gabriel Bodenehr, 1720
Pilsen hatte seinen ersten Henker bereits kurz nach seiner Gründung als Stadt, als es die Blutgerichtsbarkeit erhielt. Der Henker hatte zu keiner Zeit ein einfaches Leben und seine Stellung in der Gesellschaft war sehr umstritten. Immer musste er hinter oder direkt an der Stadtmauer leben, abseits vom städtischen Geschehen. Die Menschen verachteten ihn, denn er galt als eine unreine Person. In der Schenke saß er immer allein auf einem dreibeinigen Stuhl, trank aus einer henkellosen Tasse und in der Kirche saß er auf einer separaten Bank. Zu seinen Aufgaben gehörten nicht nur die Hinrichtungen von Sträflingen, dazu kam es in späteren Zeiten des Rückgangs des Henkerberufs nur selten, sondern er musste auch den Schinderberuf ausüben, also Kadaver begraben, für die Sauberkeit in der Stadt sorgen und streunende Hunde einfangen. Die Henker waren aber immer auch gute Heilpraktiker, da sie sich mit der Anatomie auskannten. Sie waren wohlhabend und durften Lusthäuser betreiben.

Das Pilsener Henkerhaus befand sich zwischen der heutigen Veleslavínova und der Salzgasse/Solní ulice, hier führte im Mittelalter eine schmale Sackgasse an der Stadtmauer entlang. Die Menschen nannten sie gern Henkergasse/Katovská oder Rittergasse/Rytířská, wegen des Schwerts, das der Henker für die Hinrichtungen benutzte. Sein Quartier war freistehend gebaut, so dass es mit keiner Wand die Häuser »ehrlicher Nachbarn« berührte..

Stadteigene Richtstätten waren etwas Besonderes und das Pilsener Schafott war beim Stadttor so platziert, dass man es bei der Einfahrt auch vom Fluss aus gut sehen konnte. Es war auf einer ausreichend großen Fläche angelegt, damit sich eine große Menge Zuschauer einfinden konnte. Der Henker konnte Geld verdienen an dem Interesse der Zuschauer, die gegen eine Gebühr die Leiche anschauen, ihre Tücher in ihrem Blut tunken oder sogar ein Kleidungsstück von ihr mitnehmen konnten. Mit diesen Gegenständen wurde auch heimlich gehandelt.

Der erste Pilsener Henker, dessen Name bekannt ist, war Meister Jan. Einer Erzählung nach wurde er im Jahr 1557 zur Hinrichtung eines Sträflings nach Kladrau/Kladruby gerufen. Da er als eine geächtete Person galt, musste er auf der Strecke begleitet werden, um nicht überfallen oder gar umgebracht zu werden. Am nächsten Tag fanden sich auch der Landeshauptmann, der Stadtrichter, der Kladrauer Bürgermeister, Ratsherren und neugieriges Volk ein. Es war allgemein bekannt, dass, wenn der Henker bei der Hinrichtung einen Fehler begehen würde, die Zuschauermenge ihm die Leviten lesen würde. Und so geschah es an diesem Tag auch. Er hieb zu, und der Kopf des Verurteilten blieb an der Haut hängen. Als Meister Jan klar wurde, was ihn erwarten würde, ergriff er die Flucht und alle folgten ihm. Der Richter hatte ihn nach einer Weile eingeholt und versprach ihm alles, wenn er nur die Leiche begraben würde. Jan kam wirklich zurück, um den Verstorbenen zu beerdigen. Nachdem er dies erledigt hatte, soll der Bürgermeister gerufen haben: „Jagen!“, woraufhin sich die Menge in Bewegung setzte. Innerhalb kürzester Zeit war der Henker erschlagen und so tat nicht nur der Mörder, sondern auch der Henker auf der Richtstätte seinen letzten Atemzug.

In den nachfolgenden Jahrhunderten sind aus dem Leben der Pilsener Henker nur Bruchstücke bekannt. Erst im Jahr 1689 tauchten Berichte über Bartholomäus Kvíčala auf (auch geführt als Křížek, Kříž [»Kreuz«], Kričala, Kvíčala oder Křič – es ist nicht bekannt, wie es zu den Namensverballhornungen kam). Durch seine Hand starb am 28. November 1695 am örtlichen Galgen der Choden-Rebell Jan Sladký Kozina. Seine Leiche verweste angeblich als Mahnung noch über ein Jahr nach seinem Tod auf dem Platz.

Der erste bekannte Name einer Henker-Dynastie, die in Pilsen mehr als ein Jahrhundert wirkte, war der von Jan Huss. Er selbst ist für die Pilsener nicht so bedeutend wie die Ereignisse am Hochzeitstag seiner Tochter Dorota. Sie heiratete am 31. August 1739 in der Pilsener Bartholomäuskirche den Henkersmeister Jakob Ohnesorg. Da er aber nicht einmal bei seiner eigenen Hochzeit die Kirche betreten durfte, vertrat ihn sein Freund vor dem Altar. Der Henker betete am hinteren Außenaltar des Doms. Nach dem Ende des Gebets erhob er sich und hielt sich dabei an einem der Engel an dem schmiedeeisernen Gitter fest. Dieses Ereignis blieb nicht ohne Zeugen und so verbreitete sich schnell die Nachricht über die mit den Heilkräften des Henkers in Verbindung gebrachte Wunderwirkung des Pilsener Engels, auch als »Ošahánek« bekannt. So wurde eine der bekanntesten Traditionen in Pilsen geboren, nach der das Engelchen von den Pilsenern als Glücksbringer berührt wird.

Der Henker kniete am Tor, dann berührte er das Gitter und stand auf – die Legende vom glückbringenden Engelchen war geboren.
Die verschieden Aufgaben der Henker verdeutlicht auch ein Ereignis im Jahr 1751, als sich der Pilsener Henker Bartholomäus Huss zusammen mit seinem Knecht um einen erhängten Selbstmörder kümmern musste. Der Henker musste ihn zuerst abschneiden und sein Helfer warf ihn dann samt Bett und seinen anderen Habseligkeiten aus dem Fenster. Es bildete sich schnell eine Schar von Schaulustigen, die aber nicht näher kamen, um nicht durch Berührung ihre »Ehrlichkeit zu verlieren.« Der Knecht lud dann den Verstorbenen und seine Sachen auf einen Karren geladen, verscharrte ihn auf dem Schindanger und verbrannte seine Habseligkeiten.

Nachdem die Familie Huss in der männlichen Linie ausgestorben war, wurde ein sogenanntes »Auswahlverfahren« ausgerufen. Der einzige Interessent war der eingangs erwähnte Matthias/Matěj Kaiser, der, genauso wie viele andere Henker, eine große Vorliebe für den Alkohol hegte. In seiner zwanzigjährigen Tätigkeit als Henker führte er nur vier Hinrichtungen durch, fast alle erfolglos. Bei der letzten war er sogar gezwungen, den mit dem Kopf auf dem Klotz liegenden Mörder eigenhändig zu erwürgen. Nach dieser Hinrichtung wurde ihm keine weitere mehr anvertraut. Nach seinem Tod im Jahr 1831 bewarb sich sein minderjähriger Sohn um die Stelle und versprach, sich ordentlich ausbilden zu lassen. 

1833 wurde die Stelle des Pilsener Henkers jedoch endgültig abgeschafft. Später warb die Stadt immer einen Henker von außerhalb an und sparte somit jährlich 64 Goldgroschen, 16 Meter weiches Brennholz, 300 kg Roggen, 8 Zentner Heu und 6 Zentner Stroh. Die Ausstattung des Henkerhauses wurde an einen umherziehenden Trödler verkauft, die Dinge machten der Stadt angeblich Schande. Ins Pilsener Museum gelangte nicht allzuviel davon. Die Bleibe des Henkers wurde dann versteigert, mehrmals verkauft und 1854 schließlich abgerissen. Im 19. Jahrhundert verschwand auch die mittelalterliche Gasse entlang der Burgmauer. Die letzte zivile öffentliche Hinrichtung in der damaligen Habsburgermonarchie fand auch in Pilsen statt, im Jahr 1871. Doch da übte das Grundstück mit der Parzellennummer 197 mit seiner geheimnisvollen Geschichte schon längst keine Wirkung mehr auf die Pilsener aus.

Übersetzung: Kristina Veitová und Tanja Krombach

Freitag, 4. Dezember 2015

Spartakiaden als Pflaster für die gebrochenen patriotischen Herzen der Sokol-Mitglieder

Nachdem die Stadtschreiberzeit von Wolftraud de Concini leider vorüber ist, bloggen auf ihrer Seite bis Ende des Jahres Schülerinnen des Geschichtslehrers Antonín Kolář über verschiedene Pilsener Themen. Das Projekt wurde initiiert vom Tschechischen Zentrum Berlin und vom Deutschen Kulturforum östliches Europa.

»„Wenn uns die Mutter Heimat ruft, ihre treuen Kindlein, lädt der mächtige Arm des Sokols die bösen Schädlinge zum Kampf ein! So selig wird unsere Freude darüber sein, das eigene Leben zu opfern, dies soll des Sokols heilige Parole sein: für das Volk, das Recht, das Land! Nun, Brüder, lasst uns mit heldenhafter Kraft die Heimat und die Sprache schützen, dies soll für uns der einzige Stolz sein und dafür lasst uns dem Gefecht entgegeneilen. Und erst am Tage der Erlösung wird für uns der wunderschöne, goldene Traum emporsteigen, dann wird für uns klar wie die Sonne auf ewig die Freiheit brennen.«
(Auszug aus der Sokol-Hymne)


Sokol-Turnhalle nach der Eröffnungsfeier im Jahr 1896

Tereza Brožová, Masaryk-Gymnasium Pilsen

Am Sonntag, den 9. Februar 1896 wird die Turnhalle des Vereins Sokol (dt. „Falke“) im Pilsener Štrunc-Park/Štruncovy sady feierlich eröffnet. Etwa 23 Jahre später beehrt Präsident Tomáš Garrigue Masaryk, Unterstützer und Mitglied des Sokol, die Turnhalle mit seinem Besuch. Während des Ersten Weltkriegs werden die sportlichen Aktivitäten unterbrochen, am 3.8.1914 wird die Turnhalle dem Roten Kreuz für ein Lazarett angeboten und drei Jahre später verwandelt sie sich in ein Armeequartier. In der Zwischenkriegszeit erlebt der Tschechische Sokol-Verband, der von seiner Entstehung 1862 bis zur Gründung der Ersten Tschechoslowakischen Republik 1918 ein wichtiger Träger der Nationalbewegung gewesen war, sein goldenes Zeitalter und wird eine Organisation mit mehreren Millionen Mitgliedern. Am Ende des Ersten Weltkriegs belief sich die Zahl der Pilsener Sokol-Turner auf etwa 1300.

»Im Jahr 1931 nahm mich meine Mama zum ersten Mal zum Sokol in Přeštice mit. Ich war damals sechs Jahre alt, also noch in der Grundschule«, beginnt Milada Chudlařská ihre Erzählung. Sie ist immer noch eine aktive Trainerin für moderne Gymnastik. Wie in ihrer Familie üblich, setzt auch sie bis zum Ende der Ersten Republik die Tradition des Mitgründers der Sokolo-Bewegung Miroslav Tyrš fort und lässt sich zusammen mit den anderen Sokolisten von dem Motto „In einem gesunden Körper steckt ein gesunder Geist!“ leiten. Erst viele Jahre später wird ihr bewusst, dass der Grundstein der Liebe zu ihrer böhmischen Heimat gerade in den Sportstunden gelegt wurde. Die Kinder beenden jede Stunde mit einem der zahlreichen Sokol-Lieder.

Zeitgenössische Sokol-Postkarte von 1901 mit einem Porträt des Gründers Miroslav Tyrš

Die patriotische Idylle wird jedoch mit der Okkupation durch die Nationalsozialisten und der Ausrufung des Protektorats Böhmen und Mähren beendet. Am 12. April 1941 verfügt der Staatssekretär beim Reichsprotektor, Karl Hermann Frank, die Einstellung der Aktivitäten des Sokols, dessen Mitglieder sich in verschiedenen Widerstandsgruppen engagierten. Etwa ein halbes Jahr später wird Reinhard Heydrich von Adolf Hitler zum stellvertretenden Reichsprotektor Böhmen und Mähren ernannt. Er ruft sofort das Standrecht zur Bestrafung des tschechischen Widerstands aus. Bei der »Aktion Sokol« werden die Sokol-Funktionäre verhaftet und gefoltert, über 3000 von ihnen sterben später in Konzentrationslagern. Einer von ihnen ist Emil Štrunc, nach dem in der Nachkriegszeit die Parkanlage benannt wurde, in der bis heute die Sokol-Turnhalle steht. Im Januar 1942 nimmt im Sokol-Gebäude im damaligen Pecháček-Park/Pecháčkovy sady der Hilfsdienst der jüdischen Gemeinde in Pilsen seine Tätigkeit auf und ab dem 9. Januar 1942 werden vor dem Gebäude die Transporte der jüdischen Bevölkerung zusammengestellt. Die Juden aus Pilsen und Umgebung werden von hier nach ihrer Registrierung zum nahegelegenen Bahnhof geführt, um nach Theresienstadt deportiert zu werden.


Das historische Interieur der Skol-Turnhalle im Štrunc-Park

Nach 1945 ersteht die Tschechoslowakei wieder. Den Bürgern fließt patriotisches Blut durch die Adern, jeder freut sich über das Ende der tragischen Kriegsereignisse und blickt voller Hoffnung in die Zukunft. Der Sokol-Verein bildet sich wieder und konzentriert sich im sportlichen Bereich auf die Vorbereitungen für das Sokol-Treffen 1948. Die Turner trainieren fleißig ihre einstudierten Übungen und die durch den Zweiten Weltkrieg erzwungene neunjährige Pause steigert ihre Ausdauer. Im Februar 1948 aber kommt es zur Machtübernahme durch die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei, der die Aktivitäten der Erben von Miroslav Tyrš durchaus nicht gefallen. Der angetretene kommunistische Totalitarismus entscheidet sich aber, den bereits angelaufenen Vorbereitungstrubel nicht zu unterbrechen, und so findet das XI. Sokol-Treffen in Prag statt.

Es ist ein sonniger Julitag und aus jeder Ecke unseres Landes steuern Scharen von Sokol-Turnern voller Vorfreude in die Hauptstadt. Prag verjüngt sich wieder für einige Tage. Als sich alle Augen im Strahov-Stadion auf die Sokolisten in ihren Uniformen richten, ahnt noch keiner, dass sie sich erst ein halbes Jahrhundert später wieder solch eine Show würden ansehen können. Die Frauen machen nämlich statt der erwarteten Bewegung „Augen rechts!“ einen vorab verabredeten Dreh in die entgegengesetzte Richtung und die Kommunisten auf den Tribünen haben so einen weiteren Vorwand. Keiner kann sie daran hindern, die Sokol-Organisation abzuschaffen. Die Aktivitäten der tschechoslowakischen Sokol-Gemeinde sind gestoppt. Einige ihre Mitglieder emigrieren ins Ausland und setzten die Bestrebungen des Sokol in den Landsmannschaften fort, andere werden verhaftet und eingesperrt, andere fügen sich den neuen Vorgaben der sozialistischen Erziehung. Aber wohin mit den 2253 Turnern? Die Lösung kommt bald. Die Vereinstätigkeit wird den Gewerkschaften übertragen und für das Jahr 1955 plant man die erste Spartakiade – einen kollektiven Sportauftritt, der die Sokol-Treffen ersetzen soll. Die Form bleibt, die Idee ändert sich.


Sokol 1947
Archiv Milada Chudlařská

Auf den ersten Blick sieht man zwischen dem Programm des Sokol-Treffens und der Spartakiade keinen Unterschied. In Wirklichkeit darf aber auf der Spartakiade nichts auftauchen, was an die Ideen und Symbole des Sokols erinnern würde. Die Sokol-Ausrufe »Jeder Tscheche ein Sokol!« und »Für das Volk, die teure Heimat!« werden durch die Slogans »Bereit zur Arbeit und zur Verteidigung der Heimat!« oder »Es lebe die Sowjetunion – unser Befreier!« ersetzt.

In den Städten verschwindet der Name Sokol völlig, kleinere Vereine in den Dörfern dürfen ihn aber belassen. Die Vertreter der Kommunistischen Partei ernennen ihre Mitarbeiter zu Führern der einzelnen Turneinheiten, damit sie die Vereinstätigkeit im Sinne der kommunistischen Ideologie überwachen können. Die Bemühungen, den Sokol-Bund 1968 wiederherzustellen, erstickt die „Normalisierung“, und mit dem Einmarsch der Armeen des Warschauer Paktes verlöschen alle Chancen zur Erneuerung der Sokol-Ideale.«

»Wenn ich die Bedingungen und die Umstände, unter denen die Spartakiaden stattfanden, außer Acht lasse, muss ich zugeben, dass sich ihr Niveau stetig verbesserte. Die Organisation war perfekt, alles lief bis auf die Minute genau ab. Falls eine der Turnerinnen nicht erschien, schickte man nach einem Ersatz. Die Ersatz-Turnerin hatten ihre eigene Nummer und so konnte sie exakt die Lücke füllen, die aufgrund des fehlenden Mädchens entstand«, erinnert sich Milada Chudlařská und setzt ihre Erzählung über die Zeit nach 1989 fort: »Nach der Samtenen Revolution wurde die Tätigkeit des Sokol-Vereins wiederaufgenommen. Schon zum vierten Mal. Er knüpft an die Traditionen an, modernisiert aber gleichzeitig sein Programm, und alle sechs Jahre finden die Sokol-Treffen statt.«

Spartakiade 1955
Archiv Milada Chudlařská

Der Beginn der neuen Sokol-Ära ist aber nicht leicht. Man kämpft um die Rückgabe des von den Kommunisten gestohlenen Eigentums und erlebt auch Generationsprobleme. Zur Wiedergeburt der Ideen von Tyrš und der Verjüngung ihrer Reihen tragen auch die Mitglieder bei, die in den Sokol-Verein im Štrunc-Park kommen. Ihre Aktivitäten hält nicht einmal die Überschwemmung auf, die Pilsen im August 2002 heimsucht und in das Gebäude über ein Meter hohes verschmutztes Wasser spült. Glücklicherweise nimmt alles ein gutes Ende. In den Jahren 2010 bis 2012 wird das Gebäude von außen umfassend renoviert, und im neuen Gewand begrüßt es täglich viele Sportler aus verschiedenen Vereinen, die es bestimmt zu schätzen wissen, dass man allmählich auch den öffentlichen Raum im Štrunc-Park modernisiert, der schon seit jeher der Ort ist, an dem sich die Pilsener sportlich betätigen können

Übersetzung: Kristina Veitová und Tanja Krombach

Mittwoch, 2. Dezember 2015

Gebürtiger Pilsener ist Physik-Nobelpreisträger

Nachdem die Stadtschreiberzeit von Wolftraud de Concini leider vorüber ist, bloggen auf ihrer Seite bis Ende des Jahres Schülerinnen des Geschichtslehrers Antonín Kolář über verschiedene Pilsener Themen. Das Projekt wurde initiiert vom Tschechischen Zentrum Berlin und vom Deutschen Kulturforum östliches Europa.
 

Wenn junge Menschen aus Pilsen auf ihren MP3-Playern Musik hören, wenn sie auf ihren Computern zuhause Daten auf Festplatten mit mehreren Gigabyte speichern, kommt es ihnen nicht in den Sinn, dass sie das alles einem gebürtigen Pilsener zu verdanken haben, der nach dem Zweiten Weltkrieg als Deutscher aus der Tschechoslowakei zwangsausgesiedelt wurde. Der deutsche Wissenschaftler Peter Grünberg erhielt im Jahr 2007 für die Entdeckung des Riesenmagneto-Widerstandeffekts (GMR-Effekt) den Nobelpreis für Physik.

Von Markéta Kolářová, Masaryk-Gymnasium Pilsen

Peter Grünberg
Foto: Armin Kübelbeck, CC-BY-SA, Wikimedia Commons
Der deutsche Physiker Peter Grünberg ist der einzige Nobelpreisträger, der in der Stadt Pilsen geboren wurde. Er erhielt den prestigeträchtigen Preis im Jahr 2007 für seine Entdeckung des Riesenmagneto-Widerstandeffekts, die er zusammen mit dem französischen Physiker Albert Fert machte. Dank dieser Entdeckung fassen zum Beispiel die heutigen PCs, MP3-Player und Digitalkameras unvorstellbare Datenmengen in einer Größenordnung von mehreren Gigabyte. Beide Forscher haben diese Entdeckung unabhängig voneinander gemacht; Peter Grünberg im Forschungszentrum Jülich und Albert Fert in Frankreich.

Der Riesenmagneto-Widerstandeffekt, eine Materialeigenschaft, die durch das Einwirken von elektrischem Widerstand auf das äußere magnetische Feld Materialwerte verändern kann, entdeckte schon im Jahr 1856 ein gewisser Lord Kelvin alias William Thomsen, als er mit Eisen- und Nickelelementen experimentierte. Auch der aus Pilsen gebürtige Wissenschaftler experimentierte später in verschiedenen Kombinationen und mehrschichtigen Strukturen mit metallischen Werkstoffen. Die Metalle fingen an, außergewöhnlich hohe Werte von Magnetresistenzen – eben den Riesenmagneto-Widerstandeffekt (GMR – Giant Magneto-Resistance) – aufzuzeigen.

Obwohl Grünberg die Entdeckung schon im Jahr 1988 machte, dauerte es fast 20 Jahre, bis er dafür eine Auszeichnung bekam. »Erst nach zehn Jahren wurde diese Entdeckung in der Praxis angewandt und es dauerte weitere zehn Jahre, bis ich dafür den Nobelpreis erhielt. Aber ich betrachte diese Verzögerung nicht als etwas Außergewöhnliches. Bei den Nobelpreisen ist es immer unterschiedlich. Manchmal wird er schon nach zwei oder drei Jahren verliehen, manchmal dauert es länger. Zwanzig Jahre sind nicht zu lang«, sagte Grünberg in einem Gespräch mit Journalisten bei seinem Besuch in Pilsen im Jahr 2008.

Die meisten Pilsener Bürger wussten nichts über die Verbindung zwischen dem deutschen Physiker und ihrer Stadt, bis zu Grünbergs Besuch im Jahr 2008. Seine Lebensgeschichte begann am 18.5.1939 eben in Pilsen. Kurz vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, in der Zeit der deutschen Besetzung Böhmens, geboren als Sohn von Fjodor Grinberg und Anna, geborene Petermann aus dem Nachbarsdorf Dolní Sekyřany/Untersekerschan im Landkreis Mies. Er lebte zusammen mit seiner Familie im unweit gelegenen Dýšina, wo sie ein Häuschen gemietet hatten.

Der Physiker erinnert sich rückblickend an seine hier verbrachten Kindheitstage:
»Meine jüdische Herkunft nahm ich nicht in keiner Weise wahr. Wir waren eine katholische Familie und sprachen alle tschechisch. Als Kleinkind konnte ich nur tschechisch, deutsch habe ich erst später gelernt. Ich erinnere mich an meine Kinderjahre in Dýšina. Ich erinnere mich an den großen Garten und an die Obstbäume, insbesondere an die Kirschen, und daran, dass wir im Sommer zum Baden im Klabava-Fluss, auf dem Weg, auf dem wir dann im Winter rodelten.« 
In Dýšina verbrachte Grünberg die längste Zeit seiner frühen Kindheit, sowie bei seiner Tante in Heřmanova Huť/Hermannshütte.

Sein Vater, ein russischer Immigrant, der in den Škoda-Werken arbeitete, nahm während des Krieges die deutsche Staatsangehörigkeit an. Im Jahr 1941 änderte er seinen Nachnamen in Grünberg. Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges verstarb er in Pilsen in einem Internierungslager für Deutsche und wurde dort in einem Massengrab beigesetzt. Auf Peter wartete die Zwangsaussiedlung der deutschen Bevölkerung aus der befreiten Tschechoslowakei. Im Jahr 1946 musste er als Siebenjähriger Pilsen verlassen.

Zusammen mit seiner Mutter und seiner Schwester kam er in die westdeutsche Stadt Lauterbach. Hier absolvierte er das Gymnasium, studierte anschließend Physik in Frankfurt am Main, forschte an der Technischen Universität in Darmstadt und später an einer Universität im kanadischen Ottawa. 1984 habilitierte er sich an der Universität in Köln und Anfang der 90er Jahre wurde er zum außerordentlichen Professor ernannt. Ab 1972 hatte er mit seiner wissenschaftlichen Tätigkeit im Forschungszentrum im westdeutschen Jülich begonnen.

Im März 2008 nahm der bedeutende Pilsener Bürger aus den Händen des damaligen Oberbürgermeisters Pavel Rödl feierlich das Stadtsiegel von Pilsen entgegen. »Ich werde es im Glasschrank neben dem Nobelpreis platzieren.«

Grünberg ist der sechste Nobelpreisträger der auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik geboren wurde. Neben den beiden Preisträgern Jaroslav Heyrovský (1959 für Chemie) und Jaroslav Seifert (1984 für Literatur), sind es noch Baronin Bertha von Suttner (geborene Gräfin Kinský von Wchinitz und Tettau) und das Ehepaar Cori. Bertha von Suttner, die den Großteil ihres Lebens in Österreich verbrachte, erhielt 1905 den Friedensnobelpreis. Carl Ferdinand Cori und Gerta Theresa Cori (geborene Radnitz) erhielten diese renommierte Auszeichnung 1947 für Medizin, schon als US-amerikanische Staatsbürger. Mit Ausnahme von Peter Grünberg sind alle Preisträger in Prag geboren.

Übersetzung: Kristina Veitová und Tanja Krombach

Mittwoch, 25. November 2015

Die Klatovská-Straße im Wandel der Zeiten

Nachdem die Stadtschreiberzeit von Wolftraud de Concini leider vorüber ist, bloggen auf ihrer Seite bis Ende des Jahres Schülerinnen des Geschichtslehrers Antonín Kolář über verschiedene Pilsener Themen. Das Projekt wurde initiiert vom Tschechischen Zentrum Berlin und vom Deutschen Kulturforum östliches Europa.

Wenn ich mir die Zeitachse und den Wechsel der wichtigsten Pilsener Straßennamen anschaue, muss ich an Winston Smith denken. In der fiktiven Gesellschaft des Romans 1984 von George Orwell war es seine Aufgabe, die Geschichte Buch um Buch, Seite um Seite, Titel um Titel umzuschreiben. Ist der Wechsel der Straßennamen nicht auch ein solches Bemühen, die Geschichte zu verändern oder zu retuschieren? Ich denke, die Menschen sollten sich mehr für die Dinge um sie herum interessieren und in den scheinbar nichtssagenden Straßennamen nach einer Bedeutung suchen, denn wechselnde Benennungen können so manches über uns und unsere Geschichte verraten.

Von Pavla Papazianová, Masaryk-Gymnasium Pilsen

1879 Ferdinandstraße/Ferdinandova třída

Ab diesem Jahr wurde die Straße Ferdi­nand­straße genannt und ihr größter Abschnitt, der stadt­aus­wärts in Richtung Litice führt, hieß Klattauer Straße/ulice Klatovská. Diese Periode stand im Zeichen eines großen städtebaulichen Aufschwungs und die Einwohnerdichte der Stadt stieg relativ schnell an. Die Straße wurde allmählich mit Häusern bebaut. Es entstanden auch Arbeitersiedlungen, Schienenverbindungen und Fabriken. Der Straßenname war eine Huldigung des österreichischen Kaisers und letzten gekrönten böhmischen Königs Ferdinand I., genannt der Gütige. Diesen Beinamen erhielt er für sein gütiges und freundschaftliches Auftreten, das vor allem die Tschechen so empfanden, denn nach seiner unfreiwilligen Abdankung im Jahr 1848 verbrachte der Kaiser den Rest seines Lebens bis zum Jahr 1875 in Prag.

1921 Straße der Tschechoslowakischen Legionen/třída Československých legií

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gehörten die Mitglieder der Tschecho­slowa­ki­schen Legio­nen, die 1920 aus ihren Einsatz­gebie­ten in Russland, Frankreich und Italien zurückgekehrt waren, zu den in der Gesellschaft am meisten verehrten Nationalhelden. Sie hatten nicht nur gegen einen nun besiegten Feind gekämpft, der das Land viele Jahre in den Krieg hineingezogen hatte, sondern galten vor allem als Symbol des Widerstands gegen die Habsburger Monarchie und als neues Symbol der gewonnenen staatlichen Selbständigkeit. Wichtig war das Jahr der Umbenennung dieser Pilsener Hauptstraße auch wegen der Exhumierung der hingerichteten Legionäre in Italien, zu deren Ehren in Pilsen ein feierlicher Umzug stattfand.

1940 Klattauer Straße/ulice Klatovská

Die Straße bekam 1940 eine neutrale Be­zeich­nung. Die Namens­ände­rung hing vermutlich mit der Be­set­zung der Tschecho­slowa­kei und der Er­rich­tung des Protek­torats Böhmen und Mähren im Jahr 1939 zusammen. Nach dem Beginn des Zwei­ten Weltkrieges, als die Tschechoslowakei durch das aggressive nazistische Deutschland besetzt war, kam ihre ursprüngliche Bezeichnung voll nationalen Heldentums nicht mehr in Frage. Den Besatzern hätte es bestimmt nicht gefallen, wenn eine der Hauptstraßen Pilsens nach Soldaten benannt gewesen wäre, die im Ersten Weltkrieg gegen sie gekämpft hatten. Die Bezeichnung wurde vermutlich aus rein geografischen Gründen gewählt, da die Straße aus Pilsen in Richtung Klattau/Klatovy führt. 

1943 Reinhard-Heydrich-Straße/třída Reinharda Heydricha

Im Jahr 1943 wurde die Straße nach Reinhard Heydrich benannt. Diese Bezeichnung sollte so ein Memento für die Tschechen sein und eine Erinnerung an den ermordeten stellvertretenden Reichsprotektor Reinhard Heydrich. Er starb 1942 nach einem auf ihn verübten Attentat im Prager Stadtteil Libeň. Seine Ermordung war sicher die bedeutendste Aktion des tschechoslowakischen Widerstandes gegen die nazistische Okkupation. Da Heydrich als eine der einflussreichsten Personen des Deutschen Reiches galt, wurde sein Tod entsprechend betrauert und seine Persönlichkeit entsprechend verherrlicht, etwa in Form der Umbenennung einer bedeutenden Pilsener Straße. Die Bezeichnung sollte den tschechischen Bewohnern eine Warnung davor sein, sich den deutschen Machthabern erneut zu widersetzen. Viele Menschen, die während der sogenannten Heydrich-Ära hingerichtet wurden, stammten aus Pilsen und auch die späteren Attentäter hatten hier nach ihrem Absprung auf das Gebiet des Protektorats ihren ersten Unterschlupf gefunden.

1945 Benešov-Straße/Benešova třída 

Bald nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs musste der Straßenname erneut geändert werden. Die Straße trug fortan den Namen des Präsidenten Edvard Beneš, während der Okkupationszeit Vertreter des tschechoslowakischen Widerstands und der Londoner Exilregierung. Die Tschechoslowakei kehrte zu den Idealen der Ersten Republik zurück und die Straße wurde zum ersten Mal in ihrer Geschichte nach einer lebenden Persönlichkeit benannt. Die Straße trug den Namen von Präsident Beneš allerdings nur ein Jahr lang.

1946 Wieder Klatovská

Die Benešova bekam wieder sehr schnell den neutralen Namen Klatovská. Die Erklärung dafür lag darin, dass die ersten Nachkriegswahlen stattfanden, in denen die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei (KSČ) die meisten Mandate erhielt. Die KSČ gewann die Wahlen und zugleich wurde gemäß der Regierungsanordnung vom 27. 5. 1946 im gleichen Verhältnis die Zusammensetzung der Nationalausschüsse auf allen Stufen der Verwaltung eingerichtet. Dies bedeutete, dass auch in Pilsen die meisten Sitze der Kommunistischen Partei zufielen. Es ist bekannt, dass die KSČ Präsident Beneš nicht sehr schätzte. Deshalb kehrte man zur neutralen Straßenbenennung Klatovská zurück. Der Name von Edvard Beneš wurde getilgt und er selbst kurz nach dem kommunistischen Putsch zum Rücktritt gezwungen.

1951 Straße des 1. Mai/třída 1. máje

Nach der Macht­ergreifung durch die Kommu­nisten im Februar 1948 war klar, dass eine erneute Straßen­um­benen­nung nicht lange auf sich warten lassen würde. Ideo­logie und Aufbau­begei­sterung spie­gel­ten sich in der wei­te­ren Namens­änderung der Straße wider. Benannt wurde sie nach einem der wichtigsten Feiertage der damaligen Zeit, mit dem die Arbeit verherrlicht wurde. Der Erste Mai – Zeit der Liebe, aber damals vor allem der »Tag der Arbeit«, an dem Schüler, Studenten und Fabrikarbeiter verpflichtet waren, an den propagandistischen sogenannten Maiumzügen teilzunehmen. Da die Klatovská einen bedeutenden Teil der Stadt durchlief, wurde gerade sie für diese feierliche Veranstaltung bestimmt. Daran erinnert bis heute das Restaurant Májovka, auch wenn sich mittlerweile nur noch Zeitzeugen daran erinnern, dass sich der Name des Restaurants von der ehemaligen Benennung der Straße ableitet.

1991 Wieder Klatovská

Die Umbenennung der Straße im Jahr 1991 entsprach dem politischen Wandel nach der Samtenen Revolution im Jahr 1989. Die Menschen lebten nicht mehr mit dem Gefühl der Angst, das sie zu den feurigen Festveranstaltungen der kommunistischen Feiertage nötigte, daher geriet die Bedeutung des 1. Mai fast abrupt in Vergessenheit. Man wollte keinen Straßennamen mehr in Verbindung mit dem kommunistischen Regime haben. Die Tschechoslowakei wurde zu einem demokratischen Land mit Václav Havel als Präsident an der Spitze. Ihren Namen trägt die Straße bis heute und es bleibt die Frage, ob es zu einer weiteren Namensänderung kommen wird. Ich nehme an, dieser kurze Abstecher in die Geschichte einer Pilsener Straße machte sichtbar, dass Straßennamen die gesellschaftliche Atmosphäre oder die Richtung einer politischen Macht reflektieren können. Ich denke, dass die Straße immer dann spezielle Namen hatte, wenn die Gesellschaft von den gleichen Emotionen bewegt war, wie im Fall der Ferdinandstraße und der Straße der Tschechoslowakischen Legionen, oder auf der anderen Seite einer totalitären Macht untergeordnet war wie im Fall der Heydrich-Straße und der Straße des 1. Mai. Und welche anderen Namen wird die heutige Klatovská weiter tragen? Ich hoffe, ihr Name bleibt ihr für eine längere Zeit erhalten.

Übersetzung: Kristina Veitová und Tanja Krombach

Freitag, 20. November 2015

Die Katastrophe von Bolevec inspirierte Karel Čapek zu seinem berühmten Roman »Krakatit«


Nachdem die Stadtschreiberzeit von Wolftraud de Concini leider vorüber ist, bloggen auf ihrer Seite bis Ende des Jahres Schülerinnen des Geschichtslehrers Antonín Kolář über verschiedene Pilsener Themen. Das Projekt wurde initiiert vom Tschechischen Zentrum Berlin und vom Deutschen Kulturforum östliches Europa.

Im Jahr 1917 ereignete sich in der Munitionsfabrik in Pilsen eine tragische Explosion, die als die Katastrophe von Bolevec in die Geschichte einging. Seit 1901 hatte sich hier ein Schießplatz für Kanonen befunden, die man in den Škoda-Werken im Zentrum Pilsens zusammenbaute. Schon vor dem Ersten Weltkrieg wurde damit begonnen hier Munition herzustellen. Die größte Munitionsfabrik in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie lag innerhalb von Sekunden in Trümmern. Alle Gebäude bis auf eines waren vollständig zerstört. Eine ganze Weile konnte man aber nicht mit den Aufräumarbeiten sowie der Bergung der Verletzten und Toten beginnen. Es flogen immer noch Teile der explodierenden Munition durch die Luft und jegliche Unachtsamkeit hätte zu weiteren Detonationen führen können. 

Von Helena Matějková, Masaryk-Gymnasium Pilsen

Die verheerenden Explosionsfolgen
Foto: © Westböhmisches Museum in Pilsen

Anfang des 20. Jahrhunderts verlegten die Škoda-Werke ihren Feuerübungsplatz von Doudlevec nach Bolevec und schon 1901 begann man hier mit den ersten Schießübungen. Das Objekt war das größte Munitions- und Versuchswerk im damaligen Österreich-Ungarn. Das 60 Hektar große Grundstück mit insgesamt 57 Gebäuden, darunter auch die Werkstätten und Lagerräume, war mit einem Stacheldraht eingezäunt und Maschinengewehrtürmen geschützt. In den Škoda-Werken arbeiteten etwa 3.000 Menschen, hauptsächlich Frauen, Mädchen und Jungen aus Pilsen und Umgebung.

Während des Ersten Weltkriegs bemühte sich die Fabrikverwaltung, an der Kriegsmaschinerie möglichst viel zu verdienen, und so wurde in sehr hohem Tempo gearbeitet, um die steigenden Anforderungen der Kriegsfront schnell erfüllen zu können. Neue Objekte wurden ohne amtliche Genehmigung gebaut, man teilte den zuständigen Behörden höchstens knapp die Existenz eines bereits errichteten Gebäudes mit. Aufgrund maximaler Sparmaßnahmen wurden grundlegende Sicherheits- und Hygienevorschriften nicht eingehalten. Die Werkstätten und Lagerräume waren überfüllt mit fertiger Munition und den für ihre Herstellung notwendigen Materialien. Auf dem Werksgleis häuften sich überfüllte Waggons, oft mit gefährlichem Material.

Das Massengrab der Katastrophenopfer auf dem Friedhof von Bolevec. Jedes Jahr wird in der sich daneben befindenden St. Adalbert-Kapelle mit einer Messe der Explosion in der Munitionsfabrik gedacht.
Foto: © František Kabát, sdruzeniboleveckychrodaku.cz
Am 25. Mai 1917 kam es um 13.32 Uhr im Gebäude Nummer 10 zum ersten Ausbruch. Von dort breiteten sich die Explosionen nach und nach auf immer weiteren Teilen des Areals aus. Zur verheerendsten Detonation kam es dann um 15.08 Uhr, als ein riesiges Sprengstofflager in die Luft flog. Über der Munitionsfabrik erschien eine rote, atompilzartige Säule aus stickigem Rauch. Die Druckwelle war so stark, dass es bis ins Stadtzentrum zu Schäden kam, wo die Erschütterungen Fensterscheiben zerstörten oder Fenster und Türen aus ihren Rahmen rissen und sogar an manchen Orten Risse an den Gebäuden erschienen. Die Munitionsfabrik wurde innerhalb eines Augenblicks zu einer großen Ruine, auch der angrenzende Wald fing an zu brennen.

Die Karte der Munitionsfabrik in Bolevec
Foto: © Maják Pilsen
Etwa 700 Verletzte benötigten ärztliche Hilfe. In die Särge wurden Leichen oder sterbliche Überreste gelegt, es gab angeblich über 200 Tote. Manchmal befanden sich in einem Sarg Überreste mehrerer Menschen. Ihre Angehörigen versuchten sie an den unbeschädigten Ringen und Armbändern zu identifizieren. Manche Leichen waren aber so entstellt, dass man nicht einmal ihr Geschlecht bestimmen konnte.
Zeitgenössische Korrespondenz über die Explosion in der Munitionsfabrik
Foto: © Maják Pilsen
Bis zum Abend folgten noch 18 weitere größere Explosionen und noch bis zum Morgengrauen flogen die Munitionsschüsse bis ins kilometerweit entfernte Košutka und Třemošná. Die erschrockenen Bewohner der Stadt und der anliegenden Gemeinden versteckten sich in Wäldern, Feldern und in Steinbrüchen. Jegliches Alltagsleben stand still, die Geschäfte und die Schulen blieben geschlossen, es wurde noch nicht einmal in den Ämtern und in den Fabriken gearbeitet.
Die Explosion der Munitionsfabrik von Pilsen aus gesehen
Foto: © Maják Pilsen
Auf dem Friedhof von Bolevec wurde ein drei Meter tiefes Massengrab ausgehoben, in dem im Laufe des Begräbnisses am 29. Mai insgesamt 53 Särge beigesetzt wurden. In den darauffolgenden Tagen und Wochen hier begraben wurden weitere Opfer, die man bei den Aufräumarbeiten fand oder die in den Krankenhäusern ihren Verletzungen erlegen waren. Das Massengrab mit insgesamt 143 Särgen wurde erst im August endgültig zugeschüttet. Drei der Opfer wurden auf Wunsch ihrer Verwandten in Třemošná und eines in Druztová beerdigt. Zum Gedenken an die Opfer ließen hier die Škoda-Werke in den Jahren 1917 bis 1920 die Kapelle des Heiligen Adalbert erbauen. Die österreichischen Ämter versuchten, die Nachrichten über die Katastrophe zu beschönigen, man sprach in den offiziellen Medien von unerheblichen Schäden und etwa fünfzehn Opfern.

Die Munitionsfabrik in Bolevec nach der Explosion
Foto: © Maják Pilsen
Zur Explosion kam es im Gebäude Nr. 10, wo Wurfminen hergestellt wurden. Mängel an diesen hatte der Meister Vojtěch Žižka dem Fabrikdirektor Rudolf Thiel gemeldet. Thiel winkte aber angeblich ab, empfahl, die defekten Stücke zur Seite zu legen und begab sich in die Mittagspause. Als Ursache für die erste Explosion gilt also ein Fehler an einer der Minen. Eine eventuelle Explosion einer Mine hätte allerdings nicht solche Schäden angerichtet, wenn die grundlegenden Vorschriften eingehalten worden wären. Die Explosion hätte wahrscheinlich nur das Objekt Nummer 10 zerstört und so wären nur wenige Menschen getötet oder verletzt worden. Allerdings war die Munitionsfabrik überfüllt und darüber hinaus wurde sie mit mehreren Waggons Trinitrotoluol beliefert. Diese mussten sofort ausgeladen werden, um Feuchtigkeitsschäden vorzubeugen, und aus Platzmangel lagerte man das meiste Material unter den Arbeitstischen in Gebäude Nummer 10. Von den 100 hier befindlichen Personen überlebten nur vier, unter den Toten befand sich auch Žižka. Thiel beging später im Gefängnis Selbstmord.

Karel Čapeks Roman Krakatit
Die Tragödie von Bolevec inspirierte Karel Čapek zu seinem Roman Krakatit. Čapek war in dieser Zeit Erzieher in der Familie des Fürsten Lažanský in Chýše/Chiesch bei Žlutice/Luditz. Das ganze Ereignis beobachtete er aus dem Fenster des Schlosses, etwa 40 Kilometer Luftlinie von Pilsen entfernt. Später beschrieb er das Geschehen indirekt in seinem Buch als einen Ausbruch des Vulkans Krakatoa. Die Hauptfigur des Romans ist der Chemiker Ing. Prokop, dem es gelingt, einen einmalig starken Sprengstoff herzustellen. Er nennt ihn Krakatit, nach dem indonesischen Vulkan Krakatoa. Am 21. August 1883 hatte sich hier die zweitstärkste Explosion der Neuzeit abgespielt. Eine besondere Eigenschaft des Krakatit besteht darin, dass es scheinbar grundlos explodieren kann.  

Übersetzung aus dem Tschechischen: Kristina Veitová und Tanja Krombach

Sonntag, 18. Oktober 2015

Böhmen adieu!


Pilsen, die Fünf-Flüsse-Stadt

So haben die Einheimischen jetzt doch endlich bemerkt, dass Pilsen eine Fünf-Flüsse-Stadt ist. Am 15. Oktober hatte in der Großen Synagoge – sie ist für ihre einzigartige Akustik bekannt – die sinfonische Dichtung „Pět Řek/Fünf Flüsse“ feierliche, erfolgreiche Premiere. Jiří Vyšata, Martin Červenka, Pavel Samiec und Tomáš Karpísek, vier junge Komponisten, haben unter Leitung ihres Lehrers Jiří Bezděk die einzelnen Sätze dieser Tondichtung geschrieben und sich dazu von den fünf Flüssen inspirieren lassen, die sich durch die Stadt schlängeln und sie umarmen: die Mže, die Radbuza, die Úhlava, die Úslava und die Berounka.

Kinderzeichnungen der Ausstellung „Fünf Flüsse“, die im Dům hudby (Haus der Musik) in Pilsen zu sehen war. Oben eine synthetische Darstellung von Pilsen mit seinen fünf Flüssen







Die Rooseveltbrücke über die Mže (oben) und Graffiti an der Brücke (unten)




Fünf Flüsse. Kaum eine andere Stadt auf der Welt kann mit einem solchen Reichtum an Wasserläufen aufwarten, die allerdings im Stadtbild nur wenig ins Auge fallen. Seit Beginn meines Pilsenaufenthalts hat mich – besonders nach einem Spaziergang mit Šárka Krtková – vor allem die Radbuza fasziniert. Vielleicht hatte es mir ihr Name angetan, der an Märchen und Wasserfeen erinnert, vielleicht die Tatsache, dass sie ganz in der Nähe der europäischen Hauptwasserscheide zwischen Elbe und Donau, zwischen Nordsee und Mittelmeer, entspringt und dass ein winziger Teil ihres Einzugsgebiets in Bayern liegt. Und außerdem fließt sie, bei einer Länge von 111,5 Kilometern, an Ortschaften vorbei, die – wie Újezd Svatého Kříže/Heiligenkreuz, Hostouň/Hostau und Horšovský Týn/Bischofteinitz – mich wieder einmal an meine hier einst tätigen Priesteronkel erinnern.

Eine gebürtige Oberpfälzerin und somit eine wahre Grenzgängerin ist die Mže/Mies. Sie entspringt im Gemeindegebiet von Mähring, vertrödelt ihre Kindheit auf etwa zweieinhalb Kilometern in Bayern und kann sich für ein kurzes Stück als Grenzfluss nicht entscheiden, ob sie oberpfälzerisch-bayerisch oder böhmisch-tschechisch werden möchte. Sie optiert für Böhmen, berührt Tachov/Tachau, wird mehrmals zu Seen aufgestaut und gelangt schließlich nach Pilsen. Nach knapp 103 Kilometern Länge vereinigt sie sich bei der Plzeňský Prazdroj, der weltberühmten Urquell-Brauerei, mit der Radbuza, ändert ihren Namen und verlässt die Stadt als Berounka (die nach knapp 140 Kilometern in Prag in die Moldau mündet).

Hier wird aus Mže (links) und Radbuza (rechts) die Berounka.

Blieben noch die Úhlava und die Úslava. Ein Kind des Böhmerwaldes ist die 109 Kilometer lange Úhlava. Sie schlängelt sich an der vieltürmigen Stadt Klatovy/Klattau vorbei, wird als Wassergraben um die Burg Švihov geleitet und mündet drei Kilometer südlich der Pilsener Altstadt in die Radbuza. Die Úslava schließlich, der kürzeste der Pilsener Flüsse, kommt von Süden her in die westböhmische Hauptstadt und fließt nach 94 Kilometern an der stimmungsvollen Georgskirche in die Berounka.

Wo immer ich in und um Pilsen einen Fluss sah, habe ich ihn fotografiert. Hier anschließend daher eine Auswahl, nicht nach geografischen, sondern nach rein ästhetischen Kriterien. 







 








Die  junge Mže in Grenznähe (oben) und in Tachov/Tachau (unten)




Wer sich in diesen Tagen in der Region Pilsen aufhält, hat noch Gelegenheit, die zweite Aufführung der Symfonické básně „Fünf Flüsse“ mitzuerleben, vorgetragen von einem unter der Leitung des amerikanischen Dirigenten Norman Gamboa stehenden Mega-Jugendorchester, dem junge Musiker aus Pilsen und Mons (diesjährige Kulturhauptstädte), Riga (Kulturhauptstadt 2014), Košice/Kaschau (Kulturhauptstadt 2013) und Breslau (Kulturhauptstdt 2016)  angehören: am 18. Oktober (oh, das ist ja heute!) in der faszinierenden neuromanischen Reithalle in Světce bei Tachov.

Bei Tachov und ganz in der Nähe der jungen Mže habe ich diesen nebelverhangenen Wald fotografiert. Und das ist nun wirklich mein endgültiger Abschied als Stadtschreiberin Pilsen2015. Ich hoffe, dass Rübezahl, der sich hinter den Büschen und Bäumen versteckt, mich weiterhin behütet und dafür sorgt, dass ich bald wieder in meine Heimat Böhmen zurückkehre.













Freitag, 16. Oktober 2015

Besuch in Bory


Das Pilsener Gefängnis als Spiegel der tschechischen Geschichte

Bory: Allein beim Hören dieses Namens überläuft es jeden Tschechen kalt. Lukáš Paleček hat dort vier Jahre lang als Beamter gearbeitet, vor zwei Jahren aber seinen Dienst quittiert, um sich historisch-genealogischen Forschungen zu widmen. Ob auch die Geschichte aus Grausamkeiten und Greueltaten, die auf diesem heute größten Gefängnis auf tschechischem Boden lastet, ihn veranlasst hat, sich nach anderen Arbeitsbereichen umzusehen?

 
Lukáš Paleček, ehemaliger Beamter im Gefängnis Pilsen-Bory

Ich habe es ihn nicht gefragt, als wir – meine treue Tereza Svášková und ich – uns mit ihm im Café Frenchie gleich unter dem Großen Theater in Pilsen getroffen haben und er uns zwei Stunden lang geduldig Rede und Antwort stand. Eigentlich hätten die Informationen, die er uns vermittelt hatte, schon ausgereicht, um einen längeren Artikel über das Pilsener Gefängnis zu schreiben. Aber ich wollte die Strafanstalt mit eigenen Augen sehen, wollte die Luft atmen, die hier im Laufe der 140-jährigen Geschichte Tausende und Abertausende von Häftlingen geatmet haben. 

Der Eingang zum Pilsener Gefängnis

Bory war von Anfang an, als es noch unter österreichisch-ungarischer Herrschaft zwischen 1874 und 1878 erbaut wurde, als moderne Strafanstalt konzipiert. Der aus Prag stammende Architekt Emanuel Trojan Ritter von Bylanow entschied sich für „jene mustergültige Form, wobei die Zellentrakte strahlenförmig um die Beobachtungs- oder Zentralhalle sich gruppieren und mit derselben durch lichte Gänge in Verbindung stehen“. Als „Panoptikum-Design“ wurde diese seit dem frühen 19. Jahrhundert für Gefängnisse angewandte Bauweise bezeichnet – ein scheinbar höhnischer Begriff für Bauwerke, die alles andere als Kuriositätenkabinette waren und sind. Doch die architektonische Logik, die hinter diesem Terminus steht, wird verständlich, wenn man sich die Etymologie des aus dem Griechischen kommenden Wortes vor Augen hält: „pān“ = „gesamt“ und „optikós“ = „optisch“. „Panoptikum“ also als „Gesamtschau“.

In der Tat hatten mein Dolmetscher Honza Chabr und ich, als wir den zentralen Punkt unter der rund 35 Meter hohen Kuppel betreten hatten (zögernd und mit leicht zitternden Knien, offen gesagt), einen kompletten Einblick in die sieben unendlich langen, sternförmig angelegten Korridore des Gefängnisses: Im einen hallten die Stimmen der Häftlinge wider, die sich vor den Zellentüren zu unterhalten schienen, aus einem anderen schoben mehrere Strafgefangene einen Wagen mit Kochtöpfen heraus, in einem dritten war es totenstill. Und ich war froh, als wir – nach dem Gang durch viele Metalltüren, die mit rasselnden Schlüsseln geöffnet und hinter uns scheppernd wieder verschlossen wurden – im Raum mit der Dauerausstellung zur Gefängnisgeschichte angelangt waren, an deren Verwirklichung Lukáš Paleček maßgeblich beteiligt gewesen ist.

Hier wurden uns bildhaft Fakten vor Augen geführt, aus denen eins hervorging: dass das věznice Plzeň seit seiner Gründung die von den jeweiligen Regimen „bevorzugte“ Anstalt zur Inhaftierung von politisch Andersdenkenden und Dissidenten war.

Angefangen hatte diese Geschichte von Pilsen-Bory als Synonym für „Knast der Regimegegner“ bald nach Etablierung der Strafanstalt. Auch die k.u.k. Monarchie ging mit Untertanen, die wegen ihrer (oft durchaus berechtigten) Ideen und Bestrebungen als staatsgefährdend galten, nicht sanft um. Und unter den Ersten, die ihren Wunsch nach nationaler Unabhängigkeit mit einer Haft in Pilsen-Bory bezahlen mussten, waren die Anhänger des tschechischen Geheimbundes „Omladina“: Fast 70 seiner Angehörigen wurden 1894 zu langen Gefängnisstrafen verurteilt, darunter auch der spätere Finanzminister der Ersten Tschechoslowakischen Republik, Alois Rašin (dass er 1923 Opfer eines Attentats wurde, ist eine andere Geschichte). 

Alois Rašin (1867–1923), Mitbegründer der Ersten Tschechoslowakischen Republik und Finanzminister

Weitere illustre Bory-Häftlinge waren der 1939 von den Deutschen inhaftierte Antonín Zápotocký, zu kommunistischer Zeit Staatspräsident der Tschechoslowakei (1953 bis zu seinem Tod 1957), und mehrere Monate Haft in Bory verbrachten unter kommunistischem Regime auch der spätere Staatspräsidenten Václav Havel (1936–2011), der spätere Außenminister Jiří Dienstbier (1937–2011) und der heutige Erzbischof von Prag, Dominik Kardinal Duka.

Václav Havel


Jiří Dienstbier


Der Prager Erzbischof Kardinal Dominik Duka

Gleich nach der Besetzung Böhmens durch die deutsche Wehrmacht und der Gründung des Reichsprotektorats Böhmen und Mähren zog in Bory die Gestapo ein, viele Pilsener Juden nahmen während des Zweiten Weltkriegs ihren Todesweg in die Konzentrationslager von Bory aus, Mitglieder des tschechischen Widerstands zur Zeit der nazideutschen Besatzung lebten hier unter unmenschlichen Bedingungen, viele Sudetendeutsche wurden nach Kriegsende im Pilsener Gefängnis von Tschechen misshandelt, gefoltert und getötet. Lukáš Paleček zählt Namen über Namen auf, erzählt Geschichten von Willkürakten und Unmenschlichkeit, die man nur mit Entsetzen anhören kann.

Eine Symbolfigur der tschechischen Nachkriegsgeschichte und prominentes Opfer des kommunistischen Regimes war General Heliodor Píka (1897–1949), der – des Landesverrats beschuldigt – am 21. Juni 1949 hier in Bory hingerichtet wurde: „Nein“, berichtigt Lukáš Paleček, „nicht hingerichtet, er wurde ermordet.“ Denn Píka wurde später als schuldlos rehabilitiert. Zum Glück können die Wände der Haftanstalt nicht erzählen, was sie gehört und gesehen haben. Jedes Regime hat hier seine Opfer hinterlassen, und Bory ist der Spiegel der tschechischen Geschichte der vergangenen 140 Jahre.

Heliodor Píka als französischer Legionär im Ersten Weltkrieg

Ein Bory-Gefangener, mit dem sich Lukáš Paleček besonders intensiv beschäftigt hat, war der deutsche General Rudolf Toussaint (1891–1968), bei Kriegsende Befehlshaber im Wehrkreis Böhmen und Mähren. Er ergab sich den Amerikanern, wurde 1946 an die tschechoslowakischen Behörden ausgeliefert und verbrachte 15 Jahre in Bory. Als Häftling und Hobbymaler. Toussaint wurde 1961 der Bundesrepublik Deutschland übergeben: „Als ich jetzt im Grenzhaus Waidhaus ausgeliefert wurde, was glauben Sie, was die Tschechen dort hängen hatten? Zwei Bilder von mir“, erzählte er einem Journalisten. Nicht weniger als 420 Ölgemälde soll er in seiner Pilsener Haftzeit geschaffen haben, ein Dutzend davon ist in Bory geblieben, und Lukáš Paleček bemüht sich um ihre künstlerische Wertung und symbolische Deutung: Blumen, südliche Landschaften und heitere Genreszenen, die den bitteren Beigeschmack des Bory-Besuchs etwas abmildern.

Direktor Petr Vlk, 42 Jahre alt und erst seit wenigen Monaten im Amt – er wirkt sportlich und selbstsicher, ist sich seiner nicht leichten Aufgabe an der Spitze einer Strafanstalt mit heute 1210 Insassen durchaus bewusst  –, verabschiedet sich von uns. Und wir atmen tief durch, als wir wieder im Freien stehen. 

Ein unübersehbarer Monumentalbau im Süden der Stadt Pilsen: die Strafanstalt Bory