Sonntag, 2. August 2015

Überleitung zu den Oberleitungen


Vom Busdepot zum Kultur-DEPO


„Das alte Busdepot war zu klein geworden und so konnte das neue DEPO entstehen.“ Was sich wie Nonsens anhört, wie ein unverständliches Wortspiel, ist ein Faktum. Zum Ausdruck gebracht von einem Topmanager, der es wissen muss: Marek Herbst ist generální ředitel – Generaldirektor – des Škoda City Service in Pilsen. Er kennt sich in städtischen Verkehrsbetrieben, Straßenbahnen, Stadt- und Trolleybussen, Schienen und Oberleitungen aus und erzählt mit ansteckender Begeisterung vom neuen Busdepot und seiner Entstehungsgeschichte.

Marek Herbst, Generaldirektor des Škoda City Service, vor dem neuen Busdepot in Pilsen

Ob ich vom Thema „Kulturhauptstadt Pilsen“ abgekommen bin? Nein, ganz und gar nicht. Denn ohne das neue Techno-Highlight des Busdepots könnte es das Kunst-DEPO2015 nicht geben, eine Kulturwerkstätte, die sich in allerkürzester Zeit zu einem Künstlertreff und einem Sightseeingtour-Muss der westböhmischen Hauptstadt gemausert hat.

Noch nicht herausgeputzt: Motiv aus dem neuen Kultur-DEPO2015
Bis 2014 waren die in Pilsen verkehrenden Busse im Betriebshof am Radbuza-Ufer geparkt und gewartet, kontrolliert und repariert worden. Doch das Gelände war zu klein, die Hallen waren alt und überholt und entsprachen nicht mehr den heutigen Sicherheitsvorschriften. Also wird umgezogen. Auf ein mehr als 114.000 Quadratmeter großes, den Škoda-Werken abgewonnenes Areal. Ehemalige Werkhallen werden demoliert, neue aufgebaut. Mit modernster Technologie. Der eigentliche Umzug vom alten zum neuen Busdepot erfolgt in wenigen Stunden, es darf im Stadtverkehr zu keiner Unterbrechung kommen. Alles in kurzer, unglaublich kurzer Zeit, wie so Vieles hier in Pilsen überraschend schnell konzipiert und organisiert wird.

Ein moderner Oberleitungsbus verlässt die Werkhalle des neuen Pilsner Busdepots.

Ein Oldtimer wartet in der Garage auf einen neuen Auftritt.

Auch das DEPO2015 wird in kürzester Zeit aus dem Boden gestampft. Nein, nicht eigentlich aus dem Boden gestampft, der Ausdruck stimmt nicht: Die Hallen und die Außenareale sind ja noch da. Aber sie müssen den neuen Erfordernissen einer Kulturfabrik angepasst werden. Auch das in kürzester Zeit. Denn das Kulturhauptstadtjahr steht vor der Tür, als im September 2014 die Umgestaltungsarbeiten beginnen. Und im Frühjahr 2015 kann das DEPO pünktlich seine Tore öffnen.

Zweckentfremdet: vom Busdepot zum Kultur-DEPO
Man sieht den DEPO-Strukturen ihre frühere Nutzung als Busdepot noch an.

„reSTART“ ist der vielsagende Titel der Ausstellung von Čestmír Suška, der seine riesigen Metallkonstruktionen bis Ende 2015 vor und im neuen DEPO2015 zeigt.

Das neue Busdepot in der riesigen Ex-Škoda-Halle mit seinen zukunftsorientierten Anlagen und Einrichtungen – „Das Depot ist für die nächsten 30 Jahre konzipiert“, kommentiert Direktor Marek Herbst – ist heute der Stolz der städtischen Verkehrsbetriebe, wie das DEPO2015 der Stolz der Kulturhauptstadt ist: Kunstausstellungen, Tagungen, Dichterlesungen, Tanzveranstaltungen und Workshops ziehen besonders ein junges, jung gebliebenes und intellektuelles Publikum an.

Doch noch einmal zu den städtischen Verkehrsbetrieben zurück. Zu den rund 230 Bussen, die in der Stadt verkehren, kommen auch noch an die 120 Straßenbahnen, diese überwiegend gelben Trambahnen, die fast die Hälfte des Personenverkehrs übernehmen und aus dem Stadtbild nicht wegzudenken sind. Und damit sind wir bei einer anderen schönen Geschichte angelangt.

Attraktive Präsenz im Pilsner Straßenverkehr. Links hinten die Große Synagoge

František Křižík, ein tschechischer Techniker, Erfinder und Industrieunternehmer, war 1847 im Pilsen-nahen Plánice geboren. 1880 kam er in die westböhmische Hauptstadt, um die von ihm erfundene elektrische Bogenlampe (sie ist den Fachleuten, die sicher mehr darüber wissen als ich, auch als Křižík- oder Pilsen-Lampe bekannt) zu testen: Sie wurde zur Beleuchtung der Bühne im Großen Theater eingesetzt und in den Betriebshallen der heute aufgelassenen Piette-Papierfabrik (die sich unter dem Namen Papírna Plzeň als ebenfalls neue Kulturwerkstätte präsentiert).

Als die zunehmend industrialisierte Stadt gegen Ende des 19. Jahrhundert eine stürmische Bevölkerungsentwicklung erlebte, musste sie sich nach angemessenen Fahrzeugen für den Personentransport umsehen. Was lag da näher, als an die neuen Trambahnen zu denken, die in anderen Städten schon ihren Dienst taten? Als geeignetster Mann zur Lösung dieser Riesenaufgabe wurde František Křižík erneut in die Stadt gerufen. Und am 29. Juni 1899 konnten die ersten Straßenbahnlinien in Betrieb genommen werden: mit 20 Triebwagen, die auf drei Linien verkehrten. Ein denkwürdiger Tag für Pilsen.


František Křižík um das Jahr 1902, im Alter von 55 Jahren, als er schon die ersten Straßenbahnlinien in Pilsen angelegt hatte

Dem Pionier des elektrischen Schienenverkehrs ist in den Grünanlagen der Křižíkovy sady in Pilsen ein Denkmal gesetzt worden, das nur von Wenigen beachtet wird: Denn wer kennt heute schon den zum gefeierten Unternehmer und Erfinder aufgestiegenen Schneiderssohn aus dem 1600-Seelen-Städtchen Plánice, der von seinen Zeitgenossen als „tschechischer Edison“ gepriesen wurde?

Ich interessiere mich für ihn. Genauer gesagt: für Straßenbahnen und Trolleybusse. Noch genauer gesagt: für Oberleitungen. Freunde und Bekannte belächeln mich ob dieser meiner Passion. Ich habe lange nach einem Anlass gesucht, um einen Text darüber zu schreiben. Hier ist er. Eine Lobeshymne auf das avantgardistische Busdepot, den Trambahn-Realisator František Křižík und das dynamische DEPO2015. Sie geben mir die Möglichkeit, endlich auch einige meiner Fotos von Pilsner Oberleitungen zu zeigen. Ich finde sie unwiderstehlich.





Und mit diesem trüben Himmel verabschiede ich mich, voller trüber Laune, vorübergehend von Pilsen und von meinen Lesern. 

Jetzt machen Antonín Kolář und seine Oberschülerinnen vom Masaryk-Gymnasium weiter. Aber in einem Monat bin ich wieder da. In Pilsen und in meinem Blog. Na shledanou!

Samstag, 1. August 2015

Wanderung nach Plöß/Pleš


 Dillsuppe im Nicht-mehr-Dorf


So was Gutes hatte ich schon lange nicht mehr gegessen. Französische Austern? Italienischen Trüffelrisotto? Spanische Paella? Nein, ganz und gar nicht, keine internationale Spezialität. Es war eine einfache koprová polévka, eine böhmische Dillsuppe mit Pilzen und Kartoffeln. Und dazu ein Bier. Endlich einmal ein tschechisches Bier. Ich musste mich ja nicht gleich wieder ans Steuer setzen.
Schmackhaftes aus Böhmen: Dillsuppe und Bier

Wo ich diese köstliche Suppe gegessen habe? In der Hostinec na Pleši, dem „Wirtshaus bei Pleš“. Und wo ist das? Eigentlich nirgends. Denn das Dorf, bei dem das Gasthaus liegen müsste, gibt es nicht mehr. Es ist – wie man auf einer Tafel im Wald lesen kann – ein zaniklá obec, ein „untergegangenes Dorf“. Wie Jánska Huť/Johanneshütte, Stráská Huť/Strasshütten, Václav/Wenzelsdorf, Rabov/Rappauf und Mostek/Schwanenbrückl in der Nähe. Alle im Umkreis von wenigen Kilometern, wie man sie auf einer Tagestour leicht erwandern könnte. Aber alle sind heute verschwunden, im Jahr 1945 von ihren ehemaligen deutschsprachigen Bewohnern verlassen und dann nach 1950 vom kommunistischen Regime der Tschechoslowakei abgerissen und dem Erdboden gleich gemacht worden. Denn sie lagen in dem mit Zäunen und Wachttürmen gesicherten, militärisch kontrollierten Grenzstreifen, der auch eine Breite von mehreren Kilometern haben konnte und in dem niemand wohnen durfte. Ortschaften von der Landkarte gestrichen, heute mit Mühe und Not auf einer Turistická mapa auszumachen, einer Wanderkarte im Maßstab 1:50 000.


Ein Ortsschild anstelle eines 1000-Seelen-Dorfes

Warum ich mich für Untergegangenes, Nicht-mehr-Bestehendes interessiere? Ein Onkel von mir war in Plöß Anfang der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts Geistlicher. Allerdings nur für wenige Monate, von Oktober 1921 bis Juli 1922. Doch für mich Grund genug, mich im Nicht-mehr-Dorf umzuschauen.

So bin ich also von der deutschen Seite hergewandert (auf der tschechischen Seite wäre der Weg sehr viel länger gewesen), von der Wenige-Häuser-Siedlung Friedrichshäng bei Schönsee, in einer guten halben Stunde auf  bequemem, ebenem Waldweg, durch lichte Wälder und an weiten Koppeln vorbei, auf denen Kühe genüsslich weideten (es muss also doch noch Menschen hier geben). Bis hier zum Wirtshaus „Na Pleši“ bin ich gegangen. Und zur Dillsuppe, wie ich sie als Kind oft gegessen hatte. Wahrscheinlich schmeckte sie mir deshalb so gut. Kindheitserinnerungen, Nicht-vergessen-Können von bemaltem Keramikgeschirr, kräftigem Küchenduft, einfachen Speisen.

Ich kam hier in Pleš in eine „Wüstung“. Ich kannte dieses Wort nicht, musste erst in der Internet-Enzyklopädie nachschlagen: „Wüstung ist die Bezeichnung für eine Siedlung ..., die in der Vergangenheit aufgegeben wurde, an die aber noch Urkunden, Flurnamen, Reste im Boden, Ruinen oder örtliche mündliche Überlieferungen erinnern.“

Als mein Onkel Adolf Rudy, damals 26 Jahre jung, hier provisorisch als „Administrator“ fungierte, war Plöß/Pleš ganz und gar keine Wüstung, keine Einöde, sondern eine beliebte Sommerfrische. Viele Prager kamen herauf in dieses betriebsame, überwiegend von Deutschen bewohnte Dorf, kehrten gern in einer der damals drei Gastwirtschaften ein. Die eleganteste war das „Gasthaus Flor“. Zur Erinnerung an diese wie das ganze Dorf verschwundene Gaststätte wurde ein eisernes Kreuz aufgestellt, vor dem, wie vor Grabkreuzen, Kerzen brennen,

Am Kreuz zur Erinnerung an das Gasthaus Flor

ein anderes Kreuz wurde zur Erinnerung an die Dorfkirche aufgestellt, in der mein Onkel Geistlicher war,

Neben dem Baumstamm rechts das Kreuz zur Erinnerung an die Dorfkirche von Plöß

und ein Baum hält heute das Gedächtnis an den ehemaligen Dorfbewohner „Hebammer“ wach, der in Wirklichkeit Thomas Drachsler hieß und im Haus Nr. 28 wohnte, an der Hauptstraße des einst lang gestreckten Dorfs, das bei Kriegsbeginn noch mehr als tausend Einwohner hatte, wohl das bevölkerungsreichste der hier in Westböhmen verschwundenen Dörfer.

Ein Baum als Memorial für ein von „Hebammer“ bewohntes Haus

Und das Pfarrhaus? Wo mochte das gestanden haben? Sicher nahe bei
der Kirche. Vielleicht hier?


Oder hier?



Von welchen Häusern mögen die Steine stammen, die neben dem heutigen Gasthaus „Hostinec na Pleši“ zu einer Art Erinnerungsmauer angehäuft worden sind?


Und diese?





Die Grundmauern der Friedhofskirche sind neu aufgeschichtet worden, mit einem soliden Steintisch für Messfeiern, der Friedhof daneben mit seinen vielen deutschen Grabaufschriften ist geordnet und gepflegt.

Die Grundmauern der Friedhofskirche Hl. Johannes der Täufer in Plöß/Pleš

Überall wachsen wunderschöne Blumen und Gräser, als wollten sie die Wüstung übermänteln und ihr ihre Tristesse nehmen (und wenn ich seinerzeit im Botanikunterricht besser aufgepasst hätte, wüsste ich jetzt auch ihre Namen):







Aber die Nostalgie bleibt. Trotz Bier und Dillsuppe.






Donnerstag, 30. Juli 2015

Zwei neue Kulturbaustellen


Pilsen ruht sich nicht aus

In Pilsen gärt es immer. Das ist natürlich keine Neuigkeit in einer Stadt, die in aller Welt als Biermetropole bekannt ist. Aber auch in der Pilsner Kulturszene gärt es. Was man seit der Eröffnung des Kulturhauptstadt-Jahres bemerken kann. Besonders erfreulich ist aber die Tatsache, dass die westböhmische Stadt sich nicht auf den Lorbeeren ausruht, die sie sich seit Jahresbeginn mit reichen, interessanten Veranstaltungen zu Kunst, Theater, Musik und Literatur rechtschaffen verdient hat, sondern dass sie – obwohl die zweite Halbzeit schon angepfiffen worden und im Gange ist – immer noch neue Projekte auf den Plan bringt.

Zum Beispiel die Adolf-Loos-Interieurs. Ich habe in meinen Texten schon zweimal davon erzählt: einmal etwas ablehnend der Person und dem Privatleben von Loos gegenüber, das andere Mal voller Begeisterung und Hochachtung vor der Leistung dieses böhmisch-österreichischen Architekten und Designers, aber auch voller Trauer über das Geschick seiner jüdischen Auftraggeber.

Auf Adolf Loos aber komme ich hier noch einmal zurück. Das Westböhmische Museum lässt derzeit eine Wohnung restaurieren, die sich über zwei Etagen einer Villa in der Klatovská třída Nr. 110 hinzieht. Das äußerlich (noch) unauffällige Haus – wie alle Bauten mit Adolf-Loos-Interieurs – war in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts für  leitende Angestellte der Ṧkoda-Werke erbaut, dann aber 1932 von Oskar und Jana Semler gekauft worden (eine jüdische Unternehmerfamilie, die dem Holocaust rechtzeitig durch Emigration entging). Und sie beauftragten Adolf Loos mit dem Entwurf der Inneneinrichtung, die aber wohl überwiegend von dessen Mitarbeiter Heinrich Kulka ausgeführt wurde (Loos starb 1933).

Die künftige Pilsner Sehenswürdigkeit (geplant ist auch die Einrichtung eines Dokumentationszentrums zur Pilsner Architektur vom 19. bis zum 21. Jahrhundert)  ist heute noch eine Baustelle. Doch gerade durch das Provisorische und Noch-nicht-wieder-Fertige, durch den stellenweise abgekratzten Lack der originalen Möbel, die von alltäglichem Gebrauch zeugen, durch die in Loos’ Lieblingsfarben Rot und Gelb lackierten, aber noch nicht angeschlossenen Heizkörper, durch die noch nicht gereinigten Schubladengriffe und die teilweise noch auszubessernden Schränke und Kredenzen, Fußböden und Wandverkleidungen vermittelt sie stärkere Emotionen, als sie dann die geschniegelten und gestriegelten Wohnungseinrichtungen geben. Im Oktober sollen die weiten Räume öffentlich zugänglich sein. Bei dem, was Pilsen in diesem Jahr an Effizienz gezeigt hat, glaube ich das ohne Vorbehalte.

Außenansicht der Semler-Villa in der Klatovská třída Nr. 110

Jan Brčák führt uns durch die von Adolf Loos entworfene Wohnung



Adolf Loos liebte farbige Heizkörper ...




... edle Materialien und klare Linien.

Originale Warmwasserrohre in einem der Badezimmer


Wunderschöne Glasgriffe an einer alten, leicht abgenutzten Kredenz



Im Toilettentisch spiegeln sich Tereza Svášková und Jan Brčák.

Und hier noch ein Porträt meiner treuen Begleiterin Tereza Svášková


Dann „Moving Station“, der ehemalige Südbahnhof „Plzeň Jižní předměstí“ (eigentlich: Pilsen Südvorstadt) als Kulturfabrik. Er war seit seinem Entstehen in den Jahren 1903/1904 eine Haltestelle an den Bahnstrecken Wien–Eger/Cheb und Prag/Praha–Furth im Wald, auf denen zur Zeit der Donaumonarchie viele Züge verkehrten.

Doch mit der Zeit verwahrloste der Bahnhof wie auch sein gleich nach Ende des Ersten Weltkriegs angelegtes Pendant, fand aber vor einigen Jahren das Interesse des Kulturvereins „Centrum Johan“. So wurde es wieder lebendig um das Gebäude, das zu experimentellen, alternativen Theater- und Tanzveranstaltungen genutzt wurde. Und jetzt wird es renoviert, mit großem Aufwand an Geld und moderner Technik.

Petr Beránek, der technische Leiter des neuen Projekts, hatte mir in dem von mir so gern besuchten Bistro Inkognito – wo ich ihn aus einem ganz anderen Grund angesprochen hatte – eine Werbebroschüre in die Hand gedrückt: „SPLNĚNÝ SEN – Moving Station se proměňuje“ (Ein Traum verwirklicht sich – Moving Station verwandelt sich). Ich fand das Unternehmen hochinteressant, und vor einigen Tagen durfte ich auch hier auf die Baustelle: provisorische Bretterpassagen, wacklige Stufen, Plastikplanen überall, Geruch nach Staub und Zement und Farbe. Vieles ist fertig, die zentrale, zweigeschossige Dvorana beeindruckt schon jetzt mit ihren modernen Stahl-Beton-Strukturen. Es herrschte Hochbetrieb, denn die offizielle Eröffnung dieser neuen, faszinierenden Bühne für Theater und Tanz, Tagungen und Ausstellungen ist für den 12. September angesetzt. „Grand opening“ – wie Petr Beránek mir heute mailte. Aber auch das wird Pilsen schaffen.

Petr Beránek, der technische Leiter von „Moving Station“

Hier nachfolgend mehrere Ansichten von den Restaurierungsarbeiten im ehemaligen Südvorstadt-Bahnhof in Pilsen, bei denen Tradition und Moderne in besten Einklang gebracht werden:
 











Meinen Hund Zampa scheinen die schicken roten Hosen von Petr Beránek mehr zu interessieren als die superteuren handgearbeiteten Fliesen, mit denen die Räume gepflastert werden.




Mittwoch, 29. Juli 2015

Gemeinsam lernen

Deutsch-tschechische Volksschule an der Grenze

Eine (nicht mehr ganz aktuelle) Nachricht, die ich von Radio Prag* übernehme, einer meiner zuverlässigsten Quellen in Tschechien.

Mit Beginn des kommenden Schuljahres soll es in Železná Ruda/Markt Eisenstein, an der Grenze zwischen dem Bayerischen Wald und dem Böhmerwald, eine tschechisch-deutsche Volksschule geben, die erste dieser Art.

Bürgermeister Michal Šnebergr aus dem tschechischen Železná Ruda und Bürgermeister Charly Bauer aus dem deutschen Bayerisch Eisenstein haben dies vor Kurzem vereinbart. Die Grundschule in Bayerisch Eisenstein war aus Schülermangel geschlossen worden, während die relativ neue Schule in Železná Ruda sehr viel weniger Schüler hat, als sie aufnehmen könnte.

Also, was tun? Vorbildliche, beispielhafte grenzüberschreitende Vereinbarung: Die bayerischen Schüler begeben sich in den nur zwei Kilometer entfernten tschechischen Nachbarort statt ins 15 Kilometer entfernte Zwiesel. Und in der Schule werden sie, gemeinsam mit ihren tschechischen Mitschüldern, zweisprachig unterrichtet.

Das Projekt sollte erst im kommenden Jahr anlaufen, aber es besteht auf beiden Seiten so großes Interesse, dass schon mit dem Schuljahr 2015/2016 gestartet wird.

Ich gehe demnächst auf Italienurlaub (auch eine Stadtschreiberin darf das), werde mir aber die Schule gleich nach Unterrichtsbeginn persönlich anschauen und mit beiden Bürgermeistern sprechen. Ein Projekt zu gegenseitigem Kennenlernen und Verstehen und zum Abbau von Sprachbarrieren, das nicht übergangen werden darf

* Radio Prag: Gemeinsam lernen. Železná Ruda und Bayerisch Eisenstein wollen eine tschechisch-deutsche Grundschule

Samstag, 25. Juli 2015

Ein Tag – viele Begegnungen


Blick auf den Hochaltar der Wallfahrtskirche zur hl. Anna bei Planá
  
Das Annenfest in Planá

Es hatte sehr feierlich begonnen. Mit einer deutsch-tschechischen Prozession – Bewohner aus dem bayerischen Mähring hatten sich unterhalb der Kirche mit Bewohnern aus dem böhmischen Planá getroffen – und einem gemeinsamen Gottesdienst in der Barockkirche zur heiligen Anna bei Planá, einem Städtchen südlich von Marienbad.

Emporen in der barocken Kirche zur hl. Anna

Zum 26. Mal fand diese Wallfahrt in diesem Jahr statt. Denn wenige Monate nach der „Wende“ hatten Deutsche und Tschechen hier erstmals zu gemeinsamem Beten und Singem zusammengefunden. Der diesjährige Gottesdienstes, in dem viel von Asylbewerbern und deren Aufnahme die Rede war, wurde von Monsignor Reinhard Hauke aus Erfurt zelebriert, dem Beauftragten für die Vertriebenen- und Aussiedlerseelsorge in Deutschland.
Reinhard Hauke, der Bischof für die Vertriebenen

Ein „Bischof für die Vertriebenen“? „Ja“, antwortet Monsignor Hauke auf meine Frage. „Man muss die Erinnerung an die Vertreibung auch bei der nachwachsenden Generation wachhalten, damit dieses Kapitel der Geschichte nicht in Vergessenheit gerät“. Als Kind einer aus Schlesien vertriebenen Familie liegt ihm das Thema sehr nahe, und er beurteilt es als sehr positiv, was auch ich schon mehrmals unterstrichen habe: Dass sich auch in Tschechien junge Leute mit dem Thema der Vertreibung objektiv und ohne Scheuklappen auseinandersetzen. Die positiven Auswirkungen der Vertreibung? Hatte ich da bei der Predigt richtig gehört? Zur Sicherheit hake ich noch einmal nach: Ja, Bischof Hauke ist überzeugt, dass die Vertriebenen den Städten und Dörfern, in denen sie aufgenommen wurden, Aufschwung gegeben haben und dass junge Aussiedler sich in ihrer neuen Heimat Lebenswege und Karrieren aufgebaut haben, die ihnen in der alten Heimat vielleicht verschlossen gewesen wären.

Doris Thomas
Nach der Stärkung der Seele in der bis auf den letzten Platz gefüllten Kirche dann auch etwas zur Stärkung des Leibes. Beim Anstehen zu Bier und klobasa, einer deftigen tschechischen Bratwurst, komme ich mit einer Nachbarin ins Gespräch: Bei der Ausweisung aus Planá – sie war damals ein Jahr alt und das jüngste von vier Kindern – habe das ehemalige Kloster unterhalb der Kirche hier für sie das letzte Obdach auf heimatlich-böhmischem Boden dargestellt. Aber die Tschechen hätten der vaterlosen Familie geholfen, so viel sie nur konnten. Seit Jahren besucht sie – die ehemalige Gymnasiallehrerin Doris Thomas – sommerliche Tschechischkurse in Nordböhmen, kommt aus Bayerisch Eisenstein regelmäßig auf Wallfahrt zur heiligen Anna und ist um deutsch-tschechisches Verständnis und den Abbau von Vorurteilen bemüht. Auf beiden Seiten.

Dann bellen ein großer Schäferhund und mein kleiner Hund sich lautstark an. Aber auch das gegenseitige Anknurren von Hunden kann Kontakte zwischen den padroni schaffen. Ich schaffe Zampa weg und kehre zur Hundebesitzerin zurück: Es ist Klára Salzmann, eine tschechische Landschaftsarchitektin, die ich vor zwei Tagen in Výškovice erlebt hatte, gewissermaßen als Hausherrin einer Veranstaltung im Rahmen der Initiativen der diesjährigen Kulturhauptstadt.

Die tschechische Landschaftsarchitektin Klára Salzmann
Für mich war es eine Rückkehr nach Výškovice, das ich gleich zu Beginn meines Pilsen-Aufenthaltes besucht hatte: damals verängstigt von der Einsamkeit des fast verschwundenen Dorfes Wischkowitz, von den menschenleeren, kurvenreichen, lädierten tschechischen Straßen, die in abgelegenen Gegenden mehr asphaltierten Waldwegen gleichen als modernen Verkehrsstraßen, beeindruckt von der Verlassenheit des Ortes. Inzwischen hat Klára Salzmann in Pilsen eine Tagung zur „Wiederbelebung der deutsch-tschechischen Grenzlandschaft“ organisiert und eine instruktive dreisprachige Publikation herausgegeben. Nach Výškovice/Wischkowitz, in das einst blühende, aber 1945 ausgesiedelte und 1974 amtlich aufgelöste Dorf, kommen jetzt Besucher aus ganz Europa. Und heute steht hier – als Land-Art-Installation auf dem Geländes eines ehemaligen Bauernhofes – ein kräftiger Holztisch: zu Gottesdiensten, zu Gesprächen, zu Brotzeiten (warum nicht?). Zu gemeinsamem Zusammensein in der Erinnerung an die ehemaligen Bewohner. Wer weiß – vielleicht einmal auch mit einem der hier Geborenen.

Geselliges Beisammensein in Výškovice/Wischkowitz
Kulturell-musikalischer Höhepunkt dieses erlebnisreichen Tages war, in Anwesenheit des tschechischen Ministers für Kultur, Daniel Herman (der einige ehemalige Böhmendeutsche auf Deutsch „in ihrer Heimat“ begrüßte), ein Konzert der Cembalistin und Organistin Alena Hönigová. Sie kann – trotz ihres jungen Alters von nur 39 Jahren – schon auf eine lange Karriere und internationale Mitwirkungen zurückblicken. Und auf das musikalische Sommerfestival, das sie vor vier Jahren auf dem nordböhmischen Schloss Jezeří ins Leben gerufen hat und von dem sie mit charmanter, unwiderstehlicher Begeisterung erzählt.

Die Musikerin Alena Hönigová


Genug für einen einzigen Tag? Nein, als Abschluss gab es dann noch ein sprühendes barockes Feuerwerk, das von den Anwesenden mit vielen Ahs und Ohs aufgenommen wurde.



Zwischendurch war ich – zur Abwechslung für meinen Hund Zampa – noch etwas über Land gefahren und hatte spontane bäuerliche Land-Art bewundert.