Mittwoch, 24. Juni 2015

Kleines Dorf – große Rolle


Die Rettung der Lipizzaner

Michaela Kodaková ist nicht nur eine hübsche junge Frau, eine tüchtige Wirtin im „Dvůr Svržno“ und eine freundliche Mutter von drei Kindern, sondern auch eine ausgezeichnete Reiterin: Als junges Mädchen hat sie mit ihrem Hengst „Hanibal“ eine tschechische Meisterschaft gewonnen. Jetzt führt sie mit ihrem Mann David das Gestüt Svržno in Hostouň – Ortschaften, die bis 1945 Zwirschen und Hostau hießen.



Und im Jahr 1945 spielte sich hier ein Husarenstück ab, das als „Operation Cowboy“ in die Geschichte eingegangen ist. Michaela erzählt, sobald sie die Gäste im gemütlichen restaurace bedient hat, gern davon, zeigt voller Begeisterung Fotos, Dokumente und Briefe in einem kleinen Museum, das sie in einem Nebengebäude des Gestüts eingerichtet hat. 

Michaela Kodaková in ihrem kleinen Museum


Kaum zu glauben: Aber in den letzten Kriegstagen verbündeten sich hier, in einem westböhmischen Dorf der Region Pilsen nahe der tschechisch-deutschen Grenze, Amerikaner und Deutsche, die heranrollenden US-Army-Angehörigen mit den abziehenden Wehrmachtskämpfern, zu einem tollkühnen Unternehmen: um an die 500 Pferde zu retten. Nicht einfache Pferde allerdings, keine Ackergäule oder bei Kriegsende abgemagerte Schindmähren, sondern das Beste vom Besten der internationalen Pferdedynastien. Hier in Hostouň/Hostau waren, als das Gebiet unter deutscher Besatzung stand, alle Pferde aus den berühmtesten, durch die Front gefährdeten und vom Vormarsch der russischen Truppen bedrohten Staatsgestüte zusammengezogen worden. Und die meisten waren noble, weiße Lipizzaner, die in der Spanischen Hofreitschule in Wien seit Jahrhunderten ihre unglaublichen Gehorsamskunststücke vorführten (und heute wieder vorführen). 

Eine Dressurübung mit Lipizzanerpferden in der Spanischen Hofreitschule in Wien


Um sie vor den Russen zu retten – bei denen sie, einem unfreundlichen Ondit zufolge, in den Kochtöpfen gelandet wären – trafen Amerikaner und Deutsche geheime Vereinbarungen. Pferdeliebhaber von der einen Frontseite einigten sich mit Pferdeliebhabern von der anderen Frontseite. Bei einem waghalsigen Coup retteten sie alle Pferde, die im Gestüt in Hostouň/Hostau untergebracht waren, und brachten sie bei Nacht und Nebel über die Grenze nach Bayern. Trächtige Stuten auf in aller Eile herangebrachten Karren, die Hengste zu Fuß auf unwegsamen Waldpfaden. Sie dürften sich, könnte ich mir vorstellen, nach diesem eulenspiegelartigen Streich die Hände gerieben haben. Und nach dem Krieg konnte die Wiener Hofreitschule – erneut unter der Leitung von Oberst Alois Podhajsky, der auch in Hostau eine Hauptrolle gespielt hatte – bald wieder ihre formidablen Dressurnummern aufnehmen. Mit den aus einem abgelegenen westböhmischen Dorf geretteten Pferden. 

Oberst Alois Podhajsky auf einem Gemälde von Siegfried Stoitzner


 „Wir hatten Tod und Zerstörung so satt und wollten etwas Schönes tun“, war der schlichte Kommentar des amerikanischen Colonels Charles H. Reed, eines der Protagonisten dieser amerikanisch-deutschen Geheimmission. Die im Übrigen mit Einverständnis und Absegnung des US-Generals George S. Patton ablief, der am 5. Mai 1945 dann Pilsen befreite. Und der nicht nur ein kriegsdurstiger Kämpe war, sondern ein großer Pferdeliebhaber: „Get them. Make it fast“, hatte er befohlen, als er vor der Befreiung Pilsens von dieser „romantischeren“ Befreiung erfuhr: „Holt sie heraus. Aber schnell!“


Soldat bis auf die Knochen: US-General George S. Patton


Diese wirklich einmal schöne Geschichte, die sich allerdings vor dem Hintergrund von Krieg und Tod abspielte, wurde im Jahr 1963 von Walt Disney zum Hollywoodstreifen Flucht der weißen Hengste (Originaltitel Miracle oft he White Stallions) mit Robert Taylor und Lilli Palmer als Hauptdarsteller verfilmt, und der holländische Schriftsteller Frank Westermann nahm sie in seinen 2012 erschienenen Roman Das Schicksal der weißen Pferde. Eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts* auf.

Zwirschen/Svržno auf einer alten Ansichtskarte

Svržno/Zwirschen heute



Wie ich auf diese Geschichte gestoßen bin? Manchmal betätige ich mich eben hier in und um Pilsen nicht nur als Stadtschreiberin, sondern auch als Amateurdetektivin. Ein bisschen Miss Marple, der ich ja vielleicht etwas ähnle. Eine ältliche Dame, die dasselbe Freizeithobby hat wie ich: das Stricken. Und als Detektivin gehe ich schon seit Monaten den Spuren von zwei Onkeln von mir nach. Zwei Brüder meiner Mutter, die Priester waren. Der eine in Hostouň/Hostau und Mutěnín/Muttersdorf, der andere in Újezd u Svatého Kříže/Heiligenkreuz. Eben in Nachbarorten hier in der grenznahen westböhmischen Gegend, in der die Lipizzaner gerettet wurden und die Turnierreiterin Michaela Kodaková heute das Gestüt weiterführt, auf dem dieses aus Liebe zu den Pferden geschlossene Bündnis verfeindeter, aber couragierter Männer zustande gekommen war. Und beim Abschied erklärt Michaela mir, warum sie so gut Deutsch spricht: „Meine Großmutter war Deutsche“. Was ich hier in Westböhmen fast täglich höre. Da gibt es kaum jemanden, der nicht eine deutsche Großmutter, Mutter, Tante, Schwägerin oder einen deutschen Großvater, Vater, Onkel, Schwager gehabt hätte oder hätte. Das sollte eigentlich helfen, alle deutsch-tschechischen Spannungen abzubauen.




* Frank Westermann, Das Schicksal der weißen Pferde. Eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts, München: C.H. Beck 2012

www.konesvrzno.cz

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen